Trampelnde Elefanten im Raum – Paderborner Ansichten für die Generaldebatte ND-Transformation

Der weiße Elefant ist herausgearbeitet, aus dem Dunkel des Raumes herausgeholt, präziser als je zuvor ausgeleuchtet: Die statistischen Herausforderungen, die finanziellen Rahmenbedingungen, die Mentalität eines Viertel der Bundesgeschwister resp. Verbandsmitglieder: Lob, Ruhm & Ehre für die acht Steuerfrauen und Steuermänner, die ich für sehr begabt und talentiert halte. Glückwunsch Steuerungsgruppe ND-Verbandsentwicklungsprozess!

In der Region Paderborn haben wir die Mitglieder aufgefordert, ihre Einschätzungen zu den Handlungsempfehlungen und Umsetzungsvorschlägen (H&U) abzugeben. Die Region umfasst sowohl die ländlichen Weiten des Sauerlandes als auch die Stadt, die es eigentlich nicht gibt: Bielefeld.

Wir haben 21 persönliche, teils sehr ausführliche Rückmeldungen bekommen: Fragen, Kommentare und Anmerkungen. Per Mail, in Telefonaten und auf einem Gruppenabend. Zwölf Prozent der Bundesgeschwister in der Region. Der Strukturkommission und den Ratsmitgliedern haben mehrseitige Bemerkungen vor der Sitzung vorgelegen. Wenn ich die Kritik zusammenfasse, komme ich auf drei zentrale Perspektiven:

  • Zielgruppenorientierung mit Fragezeichen

Ich lese den hübschen Satz: „Besonders die älteren Mitglieder des Bundes zeigen eine hohe Sensibilität für die Situation des ND, vielfach ausdrücklich verbunden mit der Hoffnung, dass die jüngere Generation das Ruder übernimmt.“

Szene auf dem Gruppenabend mittwochs vor dem Rat:  Völliges Unverständnis, dass sich alle Aktivitäten an der Zielgruppe 35-55 ausrichten sollen. Jetzt kann man sich leichtmachen: Die altersgemischte Gruppe ist größtenteils älter als die ins Auge gefasste Zielgruppe. Zwei, drei, vier passen vom Alter her ins Fahndungsraster 35-55. „Unsere Finanzen wollen sie, aber ansonsten sind wir nichts wert“, kritisiert einer, zustimmendes Nicken in der Runde. Die Zielgruppe als Marketingorientierung – da könnten sie mitgehen.

Ja, wir haben in der Region Gruppen, die sind sich selbst genug. Um die geht es am diesem Mittwochabend aber nicht. Hier ist eine Gruppe äußerst verärgert, die einen hohen Grad an Bundesbewusstsein aufweist, deren Mitglieder auf Bundesveranstaltungen fahren, die den Kongress in Paderborn tatkräftig vorwärts gebracht haben.

Vergrätzt und zurückgesetzt fühlen sie sich auch noch aus einem zweiten Grund. Was sind Schlüsselregionen, werde ich gefragt, kaum, dass ich mich hingesetzt habe. Da gibt es doch sicher eine Geheimliste. Und was heißt besondere Unterstützung?

So scharf die H&U in der Zielgruppenfrage argumentieren, so waschlappenweich sind H&U in punkto konkrete Optionen. Es ist schlimm, die Schlüsselregionen nicht aufzulisten, das Raster ist publiziert. Warum fürchtet die Verantwortlichen den Ärger, den Streit, den Ausbruch der Kreativität? Ähnliches gilt für die Aufgabendefinition der Arbeitskreise. Die harrt der Ausführung.

Wir müssen ehrlicher miteinander umgehen.  Der zerstörerische Effekt des nebulösen Nicht-Nennens bewirkt, dass sich ein jeglicher Phantasien macht. Klar bildet der ländliche Raum wie Paderborn kein „Urbanes Zentrum“, ist abgehängt. Stimmen überhaupt die aufgestellten Kriterien? Ist Roggenburg oder Stapelfeld ein Urbanes Zentrum? Wohl eher Bonn-Venusberg und Münster. Und was ist mit der Gleichung Kongress nutzt Urbanes Zentrum – Urbanes Zentrum nutzt Kongress. Gerade für den Kongress in Paderborn gilt dies.

Fazit: Diese Passagen vergraulen gerade diejenigen, die wir zur Realisierung des Transformationsprozesses brauchen. Da wütet der Elefant im Porzellanladen. Die Stimmen aus der Region haben mir für den Herbstrat mit auf den Weg gegeben, die Formulierung nicht zu akzeptieren.

  • Profilierung braucht eine Kernbotschaft

Die Charakteristika „Christ-sein.Heute, Personal.Gemeinde, Kritisch.Intellektuell, Kreativ.Kultur“ stimmen grundsätzlich. An der ein oder anderen Stelle muss noch nachjustiert werden. Aber sie reichen nicht aus. Denn das punktierte Quartett bildet nur eine – zugegeben charmante – Beschreibung: Es fehlt die eigene Zieldefinition. Sie ähneln – meint einer – der Lebens-, Glaubens-, Bildungs- und Aktionsgemeinschaft. Der letzter Aspekt fehlt auch anderen und wird arg vermisst.  Wenn aber Handlungsziel 1 „Profilierung“ gilt, dann müsste aber eine Verständigung stattfinden. Zu klären ist, geht es um Profil, Identität, grundsätzliche Zielrichtung, Konturen?

Warum definieren wir nicht eine Textgrundlage? Unser Gegenvorschlag: Alle können Änderungsanträge zum Herbstrat einreichen. (s. Grundsatz 4.3.3) Bestimmt reichen sieben bis zwölf Sätze für eine Aktualisierung des Hirschbergprogramms. (Eine alte Idee, sollten wir umsetzen, bevor das Grundsatzprogramm silbernes Jubiläum feiert.) Setzen wir auf eine Schreibwerkstatt und den Ideenreichtum der Bundesgeschwister.

Die Kritik zielt noch grundsätzlicher: Begnügen wir uns mit dem Status Quo, mit den Krücken Verbandsbefragungen und Webauftritte? Den H&U fehlen ambitionierte Zielsetzungen und eine Vision. Es muss ja nicht gleich die Herrschaft Gottes, das Reich auf Erden sein. Aber ein bisschen  „schon jetzt – Noch nicht“ müssen wir uns zumuten, anders gewinnen wir keine Zukunft und öffentliche Präsenz.

  • Partizipation gewinnt – leider nicht

Messen wir die H&U an ihren eigenen Maßstäben, ergibt sich eine elefantöse Lücke. was folgt aus der Feststellung: „In der heutigen Zeit kann eine derartige Transformation nicht ohne eine ausgeprägte Beteiligung und Mitwirkung der Verbandsmitglieder den Kreuzungspunkten der Veränderung gelingen. Unsere verbandlichen Strukturen und Partizipationsformen sind entsprechend immer wieder neu und sensibel anzupassen.“

Ziemlich ernüchternd endet die Textrecherche nach den diesen Schlüsselwörtern.

– ‚Beteiligung‘ / ‚beteiligen‘:  Weder als Subjekt noch als Prädikat vorhanden, allerdings viermal als Objekt. Das liest sich so: „Rücklaufquote von etwa 23 Prozent aller Mitglieder entspricht und damit für eine anonyme Befragung dieser Art ein sehr gutes Beteiligungsergebnis“ In den konkreten H&U: Fehlanzeige

– ‚Mitwirkung‘ / ‚mitwirken‘:  Einmal, halt: im oben zitierten Satz.

– Erst wenn die Begrifflichkeit variiert wird: ‚Teilhaben‘ / ‚teilhaben‘ gibt es tatsächlich eine Erwähnung bei den H&U. Handlungsziel 14: „Gespräche bei denen in Erfahrung gebracht werden soll, welche Vorstellungen die jungen Menschen über ihren Einfluss auf das und über ihre Teilhabe am Leben des Verbandes sowie über ihre Bereitschaft zum Einsatz“ Über Bereitschaft zum Einsatz denken wir einmal nicht weiter nach.

– ‚ Mitglied / Mitglieder‘ schlägt mit 55 Erwähnungen zu Buche. In den H&U stehen allein sechs: Mitgliederinformation, Gewinnung neuer Mitglieder, Leitungsmitglied, Mitgliedergewinnung, Leitungsmitglied, junge Mitglieder. Junge Neumitglieder. Allerdings immer als Objekte.

Dreimal sind Mitglieder Subjekt ihres Handels, entwickeln Eigeninitiative. Gleich zweimal findet sich im Papier – übrigens wortgleich – die auf die Steuergruppe bezogene Formulierung: „Dazwischen haben ihre Mitglieder individuell einzelne Aufgaben bearbeitet und die Kommunikation in den Verband abgesichert.“

Der dritte Subjekt-Satz „Besonders die älteren Mitglieder des Bundes zeigen eine hohe Sensibilität für die Situation des ND, vielfach ausdrücklich verbunden mit der Hoffnung, dass die jüngere Generation das Ruder übernimmt.“

Diese Haltung ist übrigens weiter verbreitet, als man denkt. Aber die H&U bieten das Potential, zu vergraulen. Deshalb muss das Narrativ, die Erzählung, wach geküsst werden. Zur Zeit trampelt der Elefant mächtig im Porzellanladen herum.

Die Stärke der H&U kann unserer Meinung nach darin liegen und aktiviert werden, dass die Bundesgeschwister zu Subjekten des Transformationsprozesses  gemacht werden. Der Herbstrat in Köln – das ist eine klägliche Hoffnung –  kann das ändern.

Johannes Menze

Der Verfasser ist Mitglied im Regionalleitungsteam Paderborn und dort verantwortlich für Bundesangelegenheiten und Kommunikation. Dies ist Basistext für das Statement bei der Generaldebatte am Samstagmorgen im ND-Herbstrat gewesen. Bei den Abstimmungen hat die Region die H&U ‚Zielgruppenorientierung‘ und ‚Schlüsselregionen‘ abgelehnt.

Ein Gedanke zu „Trampelnde Elefanten im Raum – Paderborner Ansichten für die Generaldebatte ND-Transformation“

  1. Danke Joe für diesen Beitrag. Um ihn verstehen und bewerten zu können, müßte ich die Ergebnisse des Herbstrates kennen.
    Leider gibt es diese immer noch nicht! (Das ist ja ein ! auf Deine Überlegungen zur Partizipation.)
    Ich habe ja meine Entscheidung schon getroffen: auf 31.12. bin ich nach über 6ojähriger Mitgliedschaft ausgetreten.
    Franz Eberhardinger

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