Der digitale ND-Kongress 2021 – Ermutigung und Zeichen des Aufbruchs

Wer nicht den ersten Schritt wagt, kann es beim zweiten nicht besser machen. Ein produktiver Anarchismus liegt in der Luft.

Ein Resümee von Ottmar John, Ibbenbüren

Der ND-Kongress 2021 steht nicht nur unter der Überschrift #ImAufbruch – er ist selbst ein ermutigendes Zeichen des Aufbruchs. Allein schon sein pures Stattfinden beweist die Handlungsfähigkeit des ND. Einerseits achten wir die staatlichen und kommunalen Seuchenschutzbestimmungen, andererseits gibt es Leute im ND, die auch in schier aussichtslos erscheinenden Situationen nicht aufgeben, kreativ nach Wegen suchen und diese dann tatsächlich finden. Das lässt für die Zukunft des ND hoffen.

Gesellschaftliche Probleme und Konflikte sind in Coronazeiten nicht weniger geworden. Im Gegenteil: Corona verstärkte Ungleichheiten und Spaltungen, Benachteiligung und Übervorteilung. In dieser Situation ist es gravierend, wenn staatliche Administrationen oder wirtschaftliche Akteure leichteren Zugang zu alten und neuen sozialen Medien haben. Auch wenn Shitstroms ausbrechen, Hassmails Menschen gezielt fertig machen sollen oder „Gefällt-mir-Buttoms“ geklickt werden, scheuen sich Medien- und Kommunikationsexperten, dieses als aktive Nutzung zu bezeichnen.

Darin ist die Kirche sehr weltlich: Hauptberuflich arbeitende Verwaltungen und Organisationen wie der ökonomisch und juristisch gesteuerte Teil der Kirche scheinen einzig als Akteure in der Krise in Frage zu kommen. Allein durch diese Form monodirektionaler medialer Kommunikation von oben nach unten werden die Liturgie und die sie aktiv feiernden Priester exklusiv gesetzt.

Es braucht Menschen, die einen hohen Grad an Erfahrung im Widerspruch gegen Macht und Herrschaft besitzen, um in dieser Situation Handlungsspielräume zu erkunden und sie dann auch tatsächlich zu nutzen. Die katholische Kirche ist ein Erfahrungsraum, in dem über lange Zeiträume Zuständigkeiten nach oben delegiert wurden. Menschen haben sich von dem, was sie unbedingt angeht, entfremdet. Sie haben die Verantwortung für sich, für ihr soziales, gesellschaftliches Umfeld und vor allem für ihre Beziehung zu Gott an die abgegeben, die sie für allein zuständig hielten. Besser: Sie haben sich ihre Zuständigkeiten abnehmen lassen. Und, so scheint es: Umso komplexer und unübersichtlicher die Gesellschaft wird, desto stärker wird das Bedürfnis, auch das, was jede(r) Einzelne nur für sich tun kann, durch andere regeln und sich vorschreiben zu lassen.

Es gibt eine lebendige Tradition des mündigen Gottesvolkes. Der ND ist ein nicht unerheblicher Strang in dieser Tradition. Das Erwachen der Kirche in der Moderne wurde vor allem von denen vollzogen, die ihre Berufung aus Taufe und Firmung, ihre Verantwortung für das Gemeinwohl und ihre Gottesbeziehung entdeckt haben. Jetzt ist die Stunde derer, die die Initiative ergreifen und einen Anfang setzen. Die Lust verspüren, in laufende gesellschaftliche Debatten die Perspektive des Glaubens und der Hoffnung einzubringen. Und, was noch wichtiger ist, die neue Formen der Kommunikation einüben: In der Nutzung neuer sozialer Medien drängen sich inhaltliche Fragen auf, die die Kommunikationstechniken selbst betreffen. Was müssen wir lernen, damit wir nicht vor lauter Faszination über die neuen Möglichkeiten des Internets unsere moralische Verantwortung von der Eigengesetzlichkeit und Funktionsmechanismen digitaler Technologien aufsaugen lassen? Wenn das soziale Leben und die Kommunikation der Menschen komplett in die virtuelle Welt abwandern würde, ginge etwas Wichtiges und für das menschliche Leben Konstitutives verloren. Wer jedoch meint, all dies außerhalb der Mediengesellschaft leben und handeln zu können, zieht sich mittelfristig in eine Nische zurück und vernachlässigt seinen bzw. ihren Auftrag, als Christ und Christin die nicht unwesentlich durch Medienkommunikation geprägte Welt aus dem Geist des Evangeliums menschlicher zu gestalten.

Bisher dominiert die Haltung: Warten wir das Ende der Coronakrise (und aller anderen Krisen ab), bis alles wieder so ist wie früher – wahrscheinlich eine Illusion! Zum Glück gibt es Leute im ND, die den Aufbruch forcieren, Risiken eingehen und sich damit der Kritik aussetzen. Und zugleich das Selbstbewusstsein haben, Kritik anzunehmen und durch sie weiter zu kommen. Wer nicht den ersten Schritt wagt, kann es beim zweiten nicht besser machen. Ein produktiver Anarchismus liegt in der Luft. Do it!

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