Maskiert.

In diesen – zugegeben – ziemlich verrückten Zeiten beschleicht mich ein Ohrwurm aus der Jugendarbeit. „Spielt nicht mehr die Rolle, die man euch verpasst / Schminkt nicht eure Masken, bis der Tod euch fasst / Springt ihm von der Schippe, macht euch unbekannt / Sucht das eigne Leben, nehmt euch in die Hand.“ Peter Janssens hatte Mitte der Siebziger Jahre den Text des evangelischen Pfarrers Friedrich Karl Barth und Peter Horst eingängig vertont.

Und genau dieser freiheitliche Esprit sprach uns an, aus dem Einerlei auszubrechen, wählerisch zu sein.  Das Wort „Mainstream“ war uns noch nicht ganz geläufig. Die Lektion jener Tage war auch, sich eben nicht hinter Masken und Rollen zu verstecken, zu verschanzen.

„Leben wird es geben“ war eine Hymne der kirchlichen Friedensbewegung. „Mensch du hast die Zukunft noch in Deiner Hand / Spiel nicht mit dem Feuer, bist genug gebrannt“. Vielleicht ist es gerade die Wortspielerei mit Masken und dem soeben mal dem Tod von der Schippe springen, die die Erinnerung hochkommen lässt. Jetzt, wo es angesichts des Covid-19-Virus dringend angeraten ist, Masken zu tragen.

Letzten Samstag beobachtete ich vor dem Paderborner Rathaus, wie sich eine Gruppe von Menschen zusammenfand, die von diesen Gedanken „Spiel nicht mehr die Rolle …“ motiviert war. Wir lassen uns in unseren Grundrechten nicht einschränken, meinen die einen, die Exemplare des Grundgesetzes wild in der Gegend schwenkten. Erbitterte Impfgegner waren darunter. Handklatschend zogen sie im dichten Pulk durch den Schildern auf den Wochenmarkt, wo Schilder die Masken anmahnten. Weitgehend unmaskiert und ziemlich rücksichtslos, wie andere Passanten fanden.

Auf dem Markt erläuterte mir später eine – völlig normal wirkende – Frau, Widerstand gegen das „Notstand-Regime“ und die „Virus-Diktatur“ sei jetzt notwendig und lobte ausführlich die großen Demonstrationen der „Corona-Rebellen“ in Stuttgart. Witzigerweise erklärte sie ausführlich, wie man eine Spontan-Demo organisiert. Ihr Wissen verdankte sie einer einschlägigen Whatsapp-Gruppe. Nein, sich maskieren das komme nicht in Frage.

Es ist doch völlig nachvollziehbar, dass die Pandemie viele Leuten verunsichert, sie in ihren Existenzen bedroht und um ihr Leben fürchten lässt, denken wir an die Leute der Gastronomie oder aus der Kunstszene. An diejenigen, die auf ungewisse Zeit nur Kurzarbeitergeld bekommen. Denken wir an die Einsamen und Risikopersonen oder an diejenigen, die tote Angehörige und Freunde betrauern.

Es geht zu allererst um Solidarität. Bei aller individuellen Freiheitsliebe – ihnen sind wir es schuldig, eine Maske zu tragen.

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