Weit stärker, als manche denken – Anmerkungen zum 23. Mai

Diese Woche hätte die hierzulande bekannteste Schwedin ihren 75. Geburtstag gefeiert. Was natürlich ein exzellenter Witz ist, denn wer kann sich Pippilotta Viktualia Rullgardina Krusmynta Efraimsdotter Långstrump ernsthaft als ältere Dame mit Handtäschchen vorstellen. Noch weniger als tatterige Großmutter mit Krückstock oder mit einer Kaffeemühle, die „Alles neu macht der Mai“ spielt . Irgendwie sind die meisten von uns doch Kinder oder sogar schon Enkel von ihr.

Klar die Sommersprossen bleiben, aber was wäre mit den abstehenden möhrenroten Zöpfen, den unterschiedlich geringelten Strümpfen? Wie ginge es Herrn Nilsson, dem Äffchen, und was wäre aus dem Schimmel auf der Veranda geworden? Wie hätte sich die kleine smaländische Stadt entwickelt? Was würde Pippilotta über schleichende Veränderungen im schwedischen Wohlfahrtstaat und demokratische Errungenschaften denken? Wie würde sie die Kontroverse über den „Negerkönig“ kommentieren? Lässig, belustigt oder amüsiert oder gewohnt unkonventionell?

Die Hoffnung ist natürlich, dass die Kräfte weiter mit Pippi sind, ihr freiheitlicher wie phantasievoller Geist weiter spritig-schlagfertig ist, weit über die Villa Kunterbunt ausstrahlt und manchem Dunkel der Welt heimleichtet.

Okay, wir rechnen jetzt nicht den Geburtsmoment nach. Soviel Phantasie muss bleiben: Die Geschichte von der Bettkante, das Überreichen des Manuskripts an Tochter Karin, die Veröffentlichung bei Rabén & Sjögren – nach der Ablehnung anderer schwedischer Verlage. „In der Hoffnung, dass Sie nicht das Jugendamt alarmieren“, hatte Astrid Lindgren den Lektoren als Vorspruch geschickt.

1945 war die Pippi-Publikation natürlich ein Skandal. Viel Mut bewies der Verleger Friedrich Oetinger, den lindgrenschen Freisinn ins zerstörte Nachkriegsdeutschland zu importieren. Eine „Göre“, wie man damals zu sagen pflegte, emanzipiert und eigenverantwortlich, aber nie egoistisch. Phantasievoll, lässig in der Lage Gewissheiten und Gewohnheiten aus den Angeln zu heben und auf eine höchst liebenswürdig-freche Weise die Welt der Erwachsenen und Autoritäten auf den Kopf zu stellen und neu zu sortieren. Bei allem „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“ besticht und trägt ihr  sozialer Gerechtigkeitssinn und der scharfe Blick der Sachensucherin für die Fülle der Möglichkeiten. Bis heute macht dies Pippis Faszination aus. Zumindest bei uns Enthusiast*innen und Kinderbuch-Liebhaber*innen.

Perspektivenwechsel. Das emanzipierte und stärkste Mädchen der Welt, hierzulande mehr als achteinhalb Millionen-fach gedruckt und somit in unzähligen Köpfen präsent verorten andere ja in dieser berühmt berüchtigte versifften Ecke Deutschlands. Wobei, in Corona-Zeiten verwirren sich die Geister, reklamieren jene doch plötzlich das rebellische Potential für sich selbst.

Bei den „Hygiene-Demos“ und in sozialen Netzwerken lassen sich Querfront-Phänomene beobachten: Leute, die ganz demonstrativ das Grundgesetz verteilen, verbünden sich mit denjenigen, die es am liebsten in die Tonne treten würden. Gern sammeln Leute wie Eva Herman, Attila Hildmann und Ken Jebsen Beifall von rechts außen wie aus der linken Staatsmachtverächter*innen.  Manche Protestler*innen wähnen sich in einer „Virus-Diktatur“ oder ersatzweise im „Notstandregime“ einer „Staatsratsvorsitzenden“ und berufen sich lautsprecherisch auf das grundgesetzlich verbriefte Widerstandsrecht. Üble Verweise auf die NS-Zeit tauchen nicht zufällig auf.

Im Netz werden Judensterne angeboten, Aufschrift „Nicht geimpft“, oder es kursiert eine Karikatur mit der Anspielung auf Auschwitz. „Impfen macht frei“. Obwohl alle offiziellen Aussagen widersprechen und es keinen Impfstoff gibt, wird die Angst vor der gewiss verordnet werdenden Impfpflicht geschürt. All das versucht, unsere Gesellschaft nach Absurdistan zu verschieben. Irrwitzig ist dies, ein hanebüchenes Rebellentum, was sich argumentativ belästigt, gerne verfolgt, und – klaro – dann in der bubble bestätigt sieht.

Dabei gibt es berechtigte Sorgen. Ja, auch mich beunruhigt der Sars CoV2 -Virus, weil manche aus Familie und im Freundeskreis zu Hochrisikogruppen gehören. Auch sofort zugestimmt: Es braucht die kritische Reflexion und Revision der Corona-Restriktionen und der Einschränkungen unserer Grundrechte. Wie schwer einmal eingeführte Sicherheitsbestimmungen mit bürgerrechtlichen Kollateralschäden wieder zu kassieren sind, haben wir bei den Terrorismusgesetzen gesehen. Da gehen wir völlig d’accord.

Wir können und werden die Debatten nicht stillschweigend den Protestlern überlassen.  Schon gar nicht, wenn wir befürchten müssen, dass manche sich von Rechtspopulisten instrumentalisieren lassen. Überlassen den öffentlichen Diskurs und die Demokratie nicht denen, die – salopp formuliert – Hüte aus Aluminium tragen und schwenken. Die Demokratie ist viel weiter und breiter.

Am 23. Mai war ich auf einer Kundgebung mit der Devise „Der Demokratie – Eine kunterbunte Bühne“. Ein paar haben beim Motto das Wort „kunterbunt“ kritisiert. Das klinge so antiquiert und pippi-langstrumpf-haft. Das stimmt. Unsere Demokratie ist, durchaus, Pippi Langstrumpf-like. Sie ist menschenfreundlich. Sie ist kreativ. Und vor allem: Sie ist stark. Viel stärker ist sie, als manche denken.  Streiten wir für diese kunterbunt-vielfältige Demokratie. Nicht nur am Tag des Grundgesetzes.

Joe Menze, Paderborn

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