8. Mai ist Maßstab, nicht Alternative – Ein Kommentar

Manchmal wache ich nachts auf, die Gedankenmühle fängt an zu mahlen, während im Morgengrauen die Vögel zu zwitschern beginnen. Was bedeuten schon fünfundsiebzig Jahre, heute am Tag der …

Ja, wie bezeichne ich dieses Jubiläum überhaupt? Tag der Kapitulation? Tag der Befreiung? Tag des Verlustes?  Fünfundsiebzig Jahre: Für mich persönlich sind das etwas mehr als zwei Drittel meiner Lebenszeit. Ich blicke über meinen Lebenstellerrand.

Und erinnere mich ziemlich genau an den hölzern-schwarzen Bundestag und die Rede des monarchischen Richard von Weizsäcker, der ist das Befreiungsmoment von der Nazibarbarei ins aufgeklärt-republikanische Geschichtsbewusstsein rückte. Das sagte mir zu. Damals blühten lokale Geschichtswerkstätten auf. Ein Referendar begeisterte uns im Oberstufenkurs mit den ungefähr gleichaltrigen Edelweißpiraten in Kölner Arbeiterviertel Ehrenfeld. Mit der Melange aus Jugendbewegung, Widerspruchsgeist, Räuber und Gendarm (klar viel übler: Gestapo) und kommunistischen Umtrieben. ‚Befreiung‘ ganz klar.

Neben Fallstricken traten Verstrickungen ebenfalls zu Tage. Um im Bild zu bleiben: Ernst Heinrich Freiherr von Weizsäcker, Spitzendiplomat im nationalsozialistischen Auswärtigen Amt, die Geburt des kleinen Richards im Württemberger Neuen Schloss, über dem die rote Fahne wehte. Alles drängte darauf hin, sich seiner Vorgeschichte erinnerlich zu sein, aber wählerisch zu sein, was die bewusste Haltung und das persönliche Handeln angeht. Unglaublich eindrücklich dabei: die Erzählungen von – meist jüdischen – Überlebenden des Holocaust.

Der in Reims und Berlin-Karlshorst unterzeichnete Waffenstillstand vom 8. und 9. Mai eröffnete eine europäische Chance. Das dämmerte uns auch und immunisierte uns weitgehend gegen großdeutsche Phantastereien. Damals im geteilten Europa, noch meilenweit entfernt von der friedlichen Revolution.

Gestern nun ditschte im Vorübergehen der Geschichtstag gleich zweimal auf. In einer Presseerklärung des Diözesankomitees der Katholiken im Erzbistum hieß es, mit dem 8. Mai war „eine Zeit des unaussprechlichen Leides und des millionenfachen Mordes“ beendet. In unserer Gesellschaft gebe es aber weiter menschenverachtende, rassistische und antisemitische Ideologie. „Das können wir nicht akzeptieren.“

Dann ein Artikel in der SZ über den Herren mit der Dackel-Krawatte, der bewusst vom „Tag der absoluten Niederlage“ und im gleichen Atemzug vom „Tag des Verlustes“ sprach. Von Großdeutschland und von dubiosen „Gestaltungsmöglichkeiten“. Erwarten wir ernsthaft etwas anderes von einem Vertreter der Vogelschiß-Partei und seinen Claqueuren?

Es geht um die Deutungshoheit der Tageslosung. Energischer Widerspruch und Zivilcourage gegen die AfD’ler, heutige Hitlergrüßler und ihre Hintersassen ist angesagt. Danke den Befreier*innen aus dem Westen und Osten. Und wesentlicher noch: Die Erinnerung an die damaligen Opfer und Täter fordert uns auf, heute Haltung zu zeigen und gegen Unmenschlichkeit aufzustehen. Sie ist Maßstab, nicht Alternative.

Hey, nicht wieder einschlafen. Aufstehen.

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