„Eine Haltung der Offenheit ist notwendig“ – Ein Kommentar zum synodalen Weg

Noch ist ziemlich offen, ob uns der „synodale Weg“ auf die Überholspur führt oder in eine Sackgasse. An dieser Stelle bietet ein Blick in die jüngere Kirchengeschichte eine Wegweisung. „Doch Geduld! Die müssen wir haben, die Geduld, die bittere Wurzeln hat, aber süße Früchte trägt“, mahnte der damalige Papst. „Ich kümmere mich nicht darum, wenn andere es eilig haben. Wer die Dinge übereilt, kommt nie weit“, charakterisierte er sich selbst und bekannte gleichwohl: „Ich bin der Papst, der auf das Gaspedal drückt.“

In seinem Dekalog der Gelassenheit postulierte der als „Übergangslösung“ gehandelte Johannes XXIII: „Nur für heute werde ich mich bemühen, einfach den Tag zu erleben – ohne alle Probleme meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.“ 

Dann aber machte Johannes XXIII Tempo:  Vor sechzig Jahren eröffnete er einer Handvoll höchst überraschter Kardinäle, er wolle ein Konzil für die Weltkirche einberufen. „Aggiornamento“ („Heutig-werden“) sei die Devise. In der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils tagten in Deutschland zwei Synoden, in Meißen und in Würzburg. (Foto vom Dom)

An einen Disput zur Anfangszeit der Würzburger Synode wird schlaglichtartig deutlich, wie entscheidend Weite, Horizont und Tiefe der Debatten sind, wenn es um tatsächliche Erneuerung gehen soll. „Es müsse klar sein, dass keiner Synodale sein könne, der an den Dogmen der Auferstehung Jesu und der Jungfräulichkeit Mariens zweifele“, argumentierte der hoch angesehene Kirchenrechtler Heinrich Flatten.  Der damalige Münsteraner Studentenpfarrer Ferdinand Kerstiens erinnert sich, dass Karl Rahner daraufhin unruhig im Seitengang des Würzburger Domes auf und ab gelaufen sei. Es ging um nichts weniger darum, wie offen und freimütig die Debatten auf der Synode geführt werden konnten. Der Jesuit kontert schließlich: „Mein Gewissen und mein Gemüt sagen mir, dass ich hier etwas sagen soll. Herr Kollege Flatten, Sie machen es sich einfach zu einfach. Bei aller Zustimmung zum Glauben der Kirche muss die Berufung auf ein Dogma selber noch mal befragt werden, da es nicht einfach klar ist, wie die Dogmen unter heutigen Erkenntnismöglichkeiten zu verstehen sind.“

Natürlich unterscheiden sich die damaligen und heutigen Fragen und Akteure erheblich. Die gegenwärtige Lage der Katholischen Kirche lässt sich als weitaus dramatischer und ungefestigter charakterisieren. Wegen des Glaubwürdigkeitsverlustes hat sich die Bedeutung der Kirche in zentralen gesellschaftlichen Diskursen verringert. Unverständnis und Enttäuschung, Ärger und Resignation reichen bis tief in die Verbände und Gemeinden. Umso entscheidender ist deshalb eine Wegeführung, die bei all ihren menschenfreundlichen und gottesfürchtigen Abwägungen sich der Gedankenfreiheit und der Transparenz verpflichtet sieht. In beiden Disziplinen sehe ich alle Beteiligten gefordert. Wie gesagt: Der Leidensdruck und die Erwartungen gerade unter dem Kern der Gläubigen sind immens. Natürlich lassen wir uns gern positiv überraschen.

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