Unterscheidung – Gerechtigkeit – Mut

OrdensFrauen für MenschenWürde unterstützen den Synodalen Weg

Sr. Susanne Schneider MC, München
Sr. Hilmtrud Wendorff CJ, Nürnberg

Im Sommer/Herbst 2018 hat sich eine Gruppe von Ordensfrauen aus dem Großraum München zur Gruppe OrdensFrauen für MenschenWürde zusammengefunden. Angesichts einiger Entwicklungen in Gesellschaft und Kirche wollten wir nicht länger schweigen, sondern in der Öffentlichkeit gemeinsam unsere Stimme erheben. Zunächst stand die Aufnahme von Flüchtlingen im Vordergrund, nachdem einzelne Gemeinschaften von uns schon jahrelang Frauen im Kirchenasyl beherbergt hatten. Doch schon bald kamen weitere wichtige Anliegen hinzu. So formulieren wir unsere Ziele im Frühjahr 2019 wie folgt:

  • Für die Würde eines jeden Menschen:
    für ein geschwisterliches Miteinander; für das Recht der Schwächeren; für Respekt und Dialog; für Gewaltfreiheit.
  • Für Solidarität mit den geflüchteten Menschen:
    für Kirchenasyl; für Bekämpfung der Fluchtursachen; für Klimaschutz; für einen Stopp der Waffenexporte.
  • Für Reformen in der Kirche:
    für ein gleichwertiges Miteinander von Frauen und Männern; für die konsequente Aufarbeitung von Missbrauchsfällen; für eine überfällige Überarbeitung der kirchlichen Sexuallehre; für die Zulassung von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern und Funktionen.

Eure Ziele sind unsere Ziele

Unsere Ziele aus „für Reformen in der Kirche“ korrespondieren mit den vier Foren des Synodalen Weges:

  • Macht und Gewaltenteilung in der Kirche
  • gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag
  • Priesterliche Existenz heute
  • Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft
  • Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche.

Diese weitgehende Übereinstimmung ist kein Zufall: Der synodale Weg greift die Anliegen auf, die viele Reformgruppen, Verbände und Einzelne seit Jahren oder Jahrzehnten als Themen qualifizieren, die um des Evangeliums willen zu besprechen und zu bearbeiten sind.

Die Nachrichten, die wir über die erste Synodalversammlung im Januar 2020 gehört haben, haben uns ermutigt. Wir haben wahrgenommen, dass die Deutsche Ordensobernkonferenz 10 Personen entsenden konnte, darunter 7 Ordensfrauen. Auch dass es 15 „junge“ Leute in dieses Gremium geschafft haben, ist für uns ein positives Zeichen.

Seit März 2020 scheint jedoch der Synodale Weg aus verschiedenen Gründen etwas ausgebremst. Zu „Corona“ kamen, wie zu befürchten war, zahlreiche innerkirchliche Bremsversuche. Obwohl die Mehrheit vieler kompetenter und engagierter Christinnen und Christen und Bischöfe an diesem Reformprojekt mit viel Herzblut arbeitet, gibt es eine kleine aber lautstarke Minderheit, die Änderungen ablehnt. Auch den Papstbrief „An das pilgernde Volk Gottes“ vom Juni 2020 empfanden viele aus Deutschland als eher bremsend. Zunehmend mehren sich auch Stimmen, die diesem Reformversuch grundsätzlich jede Erfolgschance absprechen.

Wenn der Synodale Weg an Erneuerungswillen verlieren würde, wäre das ein fatales Zeichen für unsere Kirche wie für die Gesellschaft. Das darf nicht geschehen! Deshalb möchten wir OFMW sowohl die Bischöfe wie auch alle anderen Beteiligten am SW ermutigen, in der Stärke Gottes, im Sinne Jesu und getrieben von der heiligen Geistkraft weiter voran zu gehen.

Mit großem Interesse haben wir die Vorüberlegungen des Synodalforums 1 „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“ gelesen. Dieser Text korrespondiert in besonderer Weise mit einigen unserer Anliegen. Deshalb möchten wir dazu gerne Rückmeldung geben und damit die Reformkräfte in der Kirche und vor allem jetzt beim Synodalen Weg ermutigen und unterstützen.

Wir schreiben als Frauen, die aufgrund ihrer Berufung in dieser Kirche leben und sie mitgestalten wollen. Unsere Fragen an den Text waren:

  • Wo wird das für mich ernst?
  • Wo spüre ich Resonanz?
  • Wo kann ich frei atmen und spüre die befreiende Kraft des Evangeliums?

Frauen (in) der Kirche

Als Ordensfrauen lieben wir die Kirche – trotz allem! Wir haben das Geschenk des Glaubens und unserer Berufung in der Kirche gefunden; und die Kirche ist neben der Gesellschaft der selbstverständliche Raum, in dem sich unser Leben abspielt. In diesem Raum gehen wir von dem christlichen Menschenbild aus, das auf der gleichen Würde aller Menschen als Brüder und Schwestern basiert. Zu diesem christlichen Ideal gehören aus theologischen Gründen die bedingungslose Annahme aller Menschen – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung – und die Geschlechtergerechtigkeit.

Wir sind keine Anfängerinnen im Christsein und Ordensfrau-Sein und müssen bekennen, dass neben unserer immer noch bestehenden Begeisterung eine erhebliche Ernüchterung hinsichtlich der Erstarrung und ein nachhaltiger Schock über den vielfältigen Missbrauch innerhalb der Kirche getreten sind: Leider mussten wir im Verlauf unseres Lebens lernen, dass zwischen Evangelium und Praxis in der Kirche, auch ausgehend vom Kirchenrecht, ein „garstig breiter Graben“ ist. Wir mei- nen damit nicht die normale Spannung zwischen Ideal und Realität, sondern die Entwicklung der Kirche in den letzten 200 Jahren, in denen die katholische Kirche sich zu einem Männer-Macht-Bündnis entwickelte, das „störende“ Denkformen und Menschen ausschloss. Wir denken da beispielsweise an Themen wie Demokratie, Gender, Sexuallehre, Selbstbestimmung, Gewissensfreiheit, Ökumene, Dialog der Religionen, Menschenrechte.

Das Zweite Vatikanische Konzil und die Würzburger Synode schlugen wohltuende Brücken zur „Welt“, aber dieser Aufbruch wurde nicht konsequent weiterverfolgt. Diese Lücke wird gleich am Anfang des o.g. Papiers betont. Es erklärt, dass die Kirche von ihrem Auftrag her berufen ist, sowohl dem Evangelium wie den „Zeichen der Zeit“ zu entsprechen und dass sich deshalb viele Strukturen in der Kirche verändern müssen. Das Bemühen um eine ständige Erneuerung ist kein Luxus, sondern entspricht dem Auftrag der Kirche. Wir wissen inzwischen, dass ein „Kirchenver- ständnis, das sich durch eine Aufladung des Weiheamtes als „heilige Gewalt“ (sacra potestas) auszeichnet, eingebunden in eine Hierarchie, in der einseitig die Gläubigen von Priestern als abhängig gesehen werden. … keineswegs Ausdruck einer jahrhundertelangen und bewährten Tradition [ist], sondern auf weite Strecken eine neue Erfindung nach der Aufklärung.“

Unterscheidung

Unsere Erfahrung ist, dass die Begründung der Vollmacht des Amtes mit dem Willen Gottes viel Schaden angerichtet hat und weiterhin Schaden anrichtet. Deshalb schrillen bei uns die Alarmglocken, wenn der Wille Gottes zur Zementierung von Macht missbraucht wird. Ein Beispiel dafür, wie in der Kirche Gutes in Böses verkehrt werden kann, ist im Text die „Spiritualität des Gehorsams“. Tatsächlich brachte Gehorsam, religiös verbrämt, Infantilität, Manipulation, Willkür und Unterdrückung hervor. Das ist klar missbräuchlich und dagegen muss angegangen werden. Von einem solchen Gehorsamsverständnis möchten wir uns als Ordensfrauen natürlich deutlich distanzieren. Einen solchen Gehorsam hat keine von uns gelobt!

Leider haben aber durch Missbrauch viele eigentlich wertvolle und christliche Haltungen, Ideale und Werte ihre positive Bedeutung verloren: Wir denken da an die evangelischen Räte insgesamt, an Begriffe wie Demut, Dienen, Selbstbeherrschung, Opfer, … Auch Macht ist ja per se nicht schlecht, aber wenn Macht verschleiert oder missbraucht wird ….

Wir können unterstreichen, dass die Krise der Kirche hausgemacht ist – und nicht von der „bösen Welt“ verursacht: also nicht von außen in die Kirche hineingetragen, sondern durch Strukturen verursacht, die Macht falsch einsetzen und so Missbrauch begünstigen. Diese Schuldgeschichte muss angeschaut werden, auch wenn das nicht immer einfach ist. Ein Problem dabei ist das fehlende Unrechtsbewusstsein einiger (oder vieler) Täter. Hier muss die Gemeinschaft der Kirche auf die Betroffenen hören und notfalls systemfremde Fachleute heranziehen.

Gerechtigkeit

Wir erwarten ein klares Bekenntnis zur eigenen Schuld und tätige Reue. Dabei darf auf keinen Fall weiterhin der Eindruck entstehen, die Verantwortlichen reagierten nur auf Druck von außen. Wir wünschen uns eine Kirche, die nicht vertuscht, verschweigt, herunterspielt. Die Motivation dazu nehmen wir aus dem Evangelium und halten nichts davon, durch falsche Trostpflaster das Vertrauen der Menschen wieder gewinnen zu wollen.

Dabei nehmen wir uns selbst nicht aus und sehen inzwischen, dass wir Unrecht viel zu oft hingenommen haben: Wir haben als „Schafe“ die „Hirten“ gewähren lassen, statt Widerstand zu leisten. So wurden wir wie viele Christinnen und Christen zu Ko-Klerikalen, die zu wenig auf ihr eigenes Gewissen hören.

Kirchliche Strukturen sind ebenso für den noch nicht genügend angeschauten und aufgearbeiteten spirituellen Missbrauch verantwortlich. Hier gibt es in der Kirche in Deutschland noch viel zu tun. Für alle Betroffenen wünschen wir Anerkennung des Leids und Gerechtigkeit! Nicht länger darf über die Betroffenen gesprochen werden, sondern mit ihnen: Deshalb begrüßen wir, dass in der letzten Vollversammlung endlich Betroffene zu Wort gekommen sind.

Als Ordensfrauen, die internationalen Gemeinschaften angehören, denken wir in besonderer Weise auch an unsere Mitschwestern in der ganzen Welt. Was Ordensfrauen weltweit angetan wurde und wird, ist himmelschreiend. Wenn der Synodale Weg in Deutschland für die deutsche Kirche mehr Gerechtigkeit schaffen könnte, wäre das ein Anfang, der (Ordens-)Frauen weltweit helfen könnte.

Wegen der Dringlichkeit einer Antwort auf diese „existentielle Krise“ der Kirche und weil inzwischen ein Stau an Reformen die Zukunft der Kirche beeinträchtigt, reichen Vertröstungen und kleine „Reparaturen“ nicht mehr aus; es braucht „echte Reformen“ und verbindliche Entscheidungen.

Mit der Erfahrung des Nicht-gesehen-werdens von Frauen haben wir uns gut wiedergefunden im Abschnitt über „prekäre Konzepte von Macht“. Unsere Erfahrung ist: Sollte frau in der Kirche aktiv sein wollen, muss sie wissen: Es gibt die „gläserne Decke“. Sie ist zwar unsichtbar und wird oft totgeschwiegen, doch sie verhindert nicht selten, dass Berufungen und Charismen in angemessener Weise eingebracht werden können.

Ein Bischof hat im Jahr 2020 die Aufgabe einer Frau in einer relativ hohen Position im Ordinariat des Bistums so qualifiziert: „Sie soll mir den Rücken freihalten“. Nun sind wir je nach Situation gern bereit, das zu tun: Aber wenn das das einzige ist, was uns zugestanden wird? Wir erleben, dass wir beten, zuarbeiten, ausbessern, Kohlen aus dem Feuer holen dürfen … Dass eine Untersekretärin im VatikanStimmrecht bei einer Bischofssynode erhält oder dass die deutschen Bischöfe unter dem Druck der Öffentlichkeit eine Frau zur neuen Generalsektretärin ernennen, ist ein längst über- fälliger, aber immer noch winziger Schritt in die richtige Richtung.

Wir bezweifeln, dass Kirchenmänner wissen, wozu wir berufen sind und wozu nicht! So ist es dringend nötig, dass Dienste (bisher Frauen zugeordnet) und Ämter (bisher nur für Männer) neu definiert werden. Das setzt voraus, dass die Zuordnung von allgemeinem und besonderem Priestertum neu gedacht, Gewalt geteilt und Ämter geschlechtergerecht ausgeübt werden. Dazu gehört auch, wie im Arbeitspapier angemahnt, eine solide Trennung von sakramentaler Vollmacht und Leitungsmacht.

Mut

Im von Sr. Philippa Rath OSB herausgegebenen Buch „Weil Gott es so will“ bekennen viele Frauen, dass sie trotz vieler Hindernisse und Schwierigkeiten priesterliche Funktionen ausüben. Keine dieser Frauen will jedoch in den vorherrschenden Klerikalismus hineingeweiht werden. Erforderlich ist eine Neugestaltung des Systems.

Auch ein neues, charismen-orientiertes Konzept von Entscheidungsfindung muss entwickelt werden. In diesem Zusammenhang weisen wir auf die spirituelle Tradition der Kirche hin, die durch Ordensleute gelebt wurde und wird und Einzelnen wie Gruppen hilft, ihr persönliches Christ*in- Sein zu verwirklichen. Wir denken da an Stichworte wie „Gewissensbildung“, „Unterscheidung der Geister“, „sexuelle und spirituelle Selbstbestimmung“, christliche Erfahrung“, „Spiritualität“ und „Mystik“.

Inzwischen gibt es in einigen Diözesen Frauenförderpläne, und manche Bischöfe sind stolz, wenn in ihren Ordinariaten Frauen an hohen Stellen arbeiten. Das sind erste Schritte in Richtung Partizipation und Gewaltenteilung. Wir sagen dazu: Schön, weiter so, das ist der Anfang und weitere Schritte müssen kommen…. Anzustreben wäre also, wie es das Papier formuliert, eine Zusammenarbeit aller im Dienste einer Pastoral, in der nach den Kriterien Berufung und Eignung entschieden wird.

Unser Fazit: Ja, der Synodale Weg kann und muss – um Gottes und der Menschen willen – ein Erfolg werden. So wünschen wir allen Beteiligten die Hilfe von Gottes lebenspendender Geistkraft.

München, 28.02.2021 OrdensFrauen für MenschenWürde

Sr. Susanne Schneider MC, München

Sr. Hilmtrud Wendorff CJ, Nürnberg

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