Was ich von Maria 2.0 halte …

Ein Zwischenruf von Ottmar John

Maria 2.0 ist eine Reaktion auf die Verschärfung der Krise des kirchlich verfassten Christentums, vor allem auf die speziellen Krisensymptome der katholischen Kirche. Aktiv auf die Krise zu reagieren ist gut.

Maria 2.0 gibt denen eine Identifikationsmöglichkeit, für die alle oder einige ihrer Forderungen selbstverständlich und überfällig sind. In meinem persönlichen kirchlichen Nahbereich bin ich niemanden begegnet, der die Forderungen von Maria 2.0 ablehnte. In Krisen ist Streit unausweichlich. Schlimmer als Streit ist Verbitterung.

Maria 2.0 macht deutlich, dass die Verkoppelung von Macht und den Männern vorbehaltenen Priestertum für die Begründung der Unverzichtbarkeit des priesterlichen Wirkens für die Kirche desaströs ist. Wenn die Bindung von Leitungsverantwortung an die Priesterweihe unaufgebbar ist, dann ist die Bindung der priesterlichen Aufgaben an nur ein biologisches Geschlecht ein massives Gerechtigkeitsdefizit. Wenn nur Männer zur Weihe zugelassen werden können, kann ihre Unverzichtbarkeit für die Kirche nicht in der Ausübung von Macht bestehen.

Maria 2.0 hält an der Koppelung von Macht und Weihe fest und muss deswegen für die Erneuerung der Kirche auf die Veränderung der Zugangsbedingungen zum Priesteramt fordern. Damit setzt die Bewegung auf ein zentrales Handlungsfeld der Kirche, das nicht nur wegen der Koppelung von Männlichkeit und Macht fraglich geworden ist, sondern auch durch die Ausdifferenzierung der kirchlichen Dienste, durch die Verringerung der Priesterzahlen und durch den erheblichen Ansehensverlust der Priester in der Öffentlichkeit, für den die Missbrauchsfälle und ihre Vertuschung nur Beispiele sind.

Die Erneuerung der Kirche in der Krise ist nur möglich, wenn sich das Verständnis von Leitung grundlegend verändert. Aus der Macherfunktion und Allzuständigkeit, für die ehrenamtliches Engagement lediglich eine Hilfsfunktion haben kann, zu einem Dienst am Glauben, der Hoffnung und der Liebe der Menschen. Das gilt unabhängig davon, ob Frauen oder Männer Leitung wahrnehmen. Die Präzisierung von Leitlinien des Dienstes kann helfen, seine Inanspruchnahme zum Zwecke der Verschleierung von faktischer Machermacht aufzudecken und zu kritisieren.

Diese Erneuerung von Leitungsfunktionen ist nicht die Ursache, sondern kann nur die Folge vom Aufbruch in die Welt sein; denn nur dann, wenn sich der Glaube, die Hoffnung und die Liebe im Geiste Jesu in den gesellschaftlichen Konflikten praktisch und leiblich bezeugt wird, wird die Kirche neu. Dann kann Leitung sich neu profilieren. Erst die Zahl derer, die erst (den männlichen Priester) um Erlaubnis fragen, ob sie beten dürfen, kleiner wird und die Zahl derer, die aus der Taufberufung ihr Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung in den Gotteshorizont stellen, größer, können Dienste an diesem Engagement ihrem Wortsinn entsprechen.

Gut und zukunftsfähig an der Bewegung Maria 2.0 ist, dass sie diejenigen stärkt, die sie durchführen und die ihr zustimmen. Ich bin zuversichtlich, dass jegliche Fixierung auf innerkirchliche Probleme und damit die Reproduktion der Kirche als geschlossener Anstalt überwunden wird. Denn wer meint neben der Gesellschaft stehen zu können, verdoppelt sie. Nur wer sich in der Gesellschaft und sein Handeln unter ihren Bedingungen konzipiert, kann zeigen, dass es auch anders geht. 

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