Worte zur Corona-Krise 4: Verschwörung auf Leben und Tod

Liebe Freundinnen und Freunde, Hoffende in unabwendbarer Angst!

Das passt nicht zusammen: In der Natur meldet sich der Frühling mit seinem sprießenden Leben, genießen wir eine strahlende Sonne und hell aufleuchtende Tage. Der Gang ins Freie lässt sich nicht aufhalten, auch wenn sich die Beschränkungen überall bemerkbar machen. Doch ausgerechnet in dieser Jahreszeit ist unsere Gesellschaft in einen Kampf auf Leben und Tod verwickelt. Opfer gelten als unvermeidlich. Am 9. April zählen wir in Deutschland über 2100, allein in New York über 6200 Tote, von den Todesopfern in anderen Staaten ganz zu schweigen.

1. Ängste, die unter die Haut gehen

Wer zu keiner Risikogruppe gehört, sorgt sich mit erhöhter Energie um die Herausforderungen des ungewöhnlichen Alltags, das Wohlergehen der Familie und die Sicherheit des Arbeitsplatzes, die gebrechliche Gesundheit ihrer Eltern, vielleicht auch um das Schicksal derer, die in überfüllten Lagern gestrandet sind. Es gibt aber auch weitergehende Erschütterungen, die sich jetzt erst anmelden. Viel schlimmere Katastrophen drohen armen und medizinisch schlecht versorgten Ländern und alle starren auf das Stottern der Ökonomie- und Finanzwelt, dieses gigantischen Supermolochs, der in normalen Tagen die gesamte Menschheit in Atem hält und ihr jetzt möglicherweise die Luft abschnürt. Rezession lautet das große Angstwort, das in Wirtschaftszentren und Regierungsvierteln umgeht. Die Verunsicherungen reichen tief.

Unterschwellig nagen diese Fragen an unserem Daseinsgefühl. Wie kann es sein, dass dieses eine Monstervirus, unsichtbar aber allgegenwärtig, uns alle in Angst und Schrecken versetzt? Wo bleiben die Erfolge von Wissenschaft und Technik, der Medizin zumal, die unserem Leben doch die letzten Geheimnisse entriss? Wie kann es sein, dass milliardenschwere Konzerne und die ersten Gesundheitskoryphäen der Welt erst in Jahresfrist ein wirksames Gegenmittel bereitstellen können? Hat die Moderne schon je eine vergleichbare Demütigung erlebt?

Aber es gibt noch eine tiefere Schicht, die unsere Ängste unmittelbar berührt, das ist die Angst vor dem Tod, die das Virus verbreitet. Von dieser je persönlichen Todesgefahr geht die Krise aus. Werde ich sterben oder dem Tod von der Schippe springen? Wie viele Opfer wird sich dieser Tod in meiner Kommune, meinem Betrieb, meiner Familie holen? Zu Recht mahnen die Fachleute Geduld und ein nüchternes Verhalten an, doch als Begründung bieten sie uns nur Exponentialkurven, Zeitmaße der Verdoppelung, die Fiktion einer Herden-Immunität und andere statistische Größen. Sie schaffen aber keine Sicherheit und eine innere Gewissheit fällt uns schwerer denn je. Noch fester hat das Virus die Risikogruppen im Griff, zu denen wohl die meisten gehören, die diesen Text lesen.

Wie geht unsere Gesellschaft, wie gehen die Religionen und wir persönlich damit um? Es ist gut, sich dieser Frage zu stellen, und es liegt nahe, dies gerade in der Karwoche und vor dem Osterfest zu tun.

2. Der verdrängte Tod

Kulturkritiker erklären schon lange, der Tod sei aus unserer Öffentlichkeit verschwunden; ich kann diesem Urteil nicht folgen. Die Literatur beschäftigt sich mit ihm intensiv, man muss nicht auf Die Pest von A. Camus zurückgreifen, das wieder zu einem wichtigen Buch geworden ist. Das Interesse an der Aufklärung über Sterben und Sterbeerfahrungen ist schon lange gewachsen und die Palliativmedizin gewinnt an Zustimmung. Trotz aller Erfolge ist die Medizin bescheidener geworden, da sie nur zu gut um die Risiken und Grenzen ihrer lebensverlängernden Techniken weiß. Mehr Zustimmung als noch vor zehn Jahren findet das Wissen darum, dass den Menschen ein Limit gesetzt ist und Lebensverlängerung nicht unbedingt ein gutes Leben bedeutet.

Hat der Tod also seine Schrecken verloren? Das gerade nicht, denn es geht nur darum, seine Schrecken zu mildern. Ansonsten haben wir ihn postmodern zum Sonderereignis unter anderen Begebenheiten erklärt. Wir ignorieren ihn nicht mehr, aber wir setzen ihn anderen Betriebsunfällen gleich und lassen nach wie vor eine abgründige Logik zu: Noch immer sind wir von einem vermeidenden Steigerungstrieb besessen, auf eine konsequente Ablenkung von Krankheit, Schmerz und Tod getrimmt. Diese Todesflucht ist wohl die Stiefschwester des ungezähmten Fortschrittsglaubens, der uns seit 250 Jahren im Griff hält.

Eine zweite Beobachtung kommt hinzu: In der öffentlichen Diskussion haben wir den Tod durch das Sterben ersetzt. Zwar kommt kein TV-Krimi ohne mindestens eine Leiche aus; die schleichende Brutalisierung unserer Vorstellungswelt ist offenkundig. Doch ernstere (nennen wir sie „volkserzieherische“) Sendungen beschäftigen sich mit dem Sterben, mit beglückenden Todeserfahrungen und Berichten, die Hoffnung wecken. Auch dagegen wäre nichts zu sagen, wenn diese Sterbensneugier in der Regel nicht unsere Konfrontation mit dem wirklichen Ende einfach ersetzen und ausrangieren würde. Dann vergessen wir, dass diese Vor- und Endfragen mit ihren tausend Varianten noch nicht die Frage beantworten: Was geschieht, wenn alles geschehen sein wird? Verdämmern wir am Ende in ein Nichts? Fallen wir in die Hände Gottes oder eines letzten Sinnsystems? Kommt im Tod einfach unsere Vollendung zum Vorschein, die wir schon immer in uns trugen? Wird uns vielleicht eine große Versöhnung mit dem Leben geschenkt? Gehen wir namenlos ein in die Energieströme der Welt oder ins All-Eine? Tröstet uns die Erklärung, dass unsere Liebe gegenüber Mitmenschen bleiben wird, weil sie immer Spuren in der Welt hinterlässt?

Die aktuelle Entschleunigung gibt uns nicht nur die Chance, einmal darüber nachzudenken, sondern kann uns auch zeigen, dass das Nachdenken über den Tod uns und unseren Gemeinschaften gut tut. Da gibt es nichts zu tabuisieren. Dabei wird uns sicher auch klar, dass und warum wir diese Fragen nie restlos beantworten können. Sie hinterlassen immer ein Geheimnis, das uns ängstigt, beglückt oder einfach bescheiden macht. Man muss kein Philosoph oder Mystiker, auch kein frommer Mensch sein, um von diesem Geheimnis einen Zipfel zu erhaschen. Klar ist auch, dass in diesem Geheimnis viele, und das sind nicht die Dümmsten, Gott erkennen.

3. Verstörende Erfahrungen

Doch auch solche Nachdenk-Übungen sind noch zu abgeschirmt, vielleicht bürgerlich überhöht und von abstrakten Reflexionen durchsetzt. Viele von uns tragen einfach ein großes Hoffnungspotential in sich; sie vertrauen eben dem Leben, und deshalb auch dem Tod, und ohne diese Grundhoffnung kommt wohl niemand aus. Ich denke an Ernst Bloch, den großen Philosophen der Hoffnung. Er, der sich zugleich Atheist nennt, räumt unserem menschlichen Hoffen einen unstillbaren Überschuss ein und ermuntert uns zum „moderneren Blick forschender Neugier“. Im Tod entdeckt er (den großen Skeptiker M. de Montaigne zitierend) ein „großes Vielleicht“ fürs Überdauern und appelliert an den Ruf: „Auf ewig werde ich nicht zuschanden werden“ (non confundar in aeternum), den wir aus der christlichen Tradition kennen, und der vielen von uns schon immer ein gewaltiges Hoffnungspotential vermittelt hat.

Dennoch frage ich angesichts der aktuellen Tagesmeldungen, der Hilfeschreie aus italienischen, spanischen und amerikanischen Hospitälern: Werden diese Hoffnungsressourcen das aktuelle Massensterben überstehen? Die verstörenden Erfahrungen von medizinischer Hilflosigkeit, massenhaftem Dahinsiechen und vereinsamtem Sterben lassen sich nicht mehr verstecken. Das Ärzte- und Pflegepersonal wird in heillose Situationen getrieben. Wenn Betten und Beatmungsgeräte nicht mehr ausreichen, heißt das Schreckenswort „Triage“. Manche brechen darunter zusammen, weil sie nicht mehr handeln können, ohne schuldig zu werden.

Nicht verschweigen darf ich die vielen Hinterbliebenen, ihren Trennungsschmerz und ihre Klage über abrupt beendigte Lebensläufe, die verlassenen Partner und verwaisten Kinder, die nicht einmal mehr Abschied nehmen konnten. Jetzt endlich ist die Zeit, da ihr Schicksal nicht mehr mit Todesanzeige und Leichenschmaus abgetan werden kann, gleich, ob sie am oder mit dem Corona-Virus gestorben sind. Jetzt ist der Augenblick, auch zu erinnern an
– die vielen Mitmenschen, die bislang schon ihren Schmerz über die Hingegangenen in sich hineinpressten, weil sie mit niemandem offen reden konnten oder sich ihrer Trauer schämten,
– die Ungezählten, die schon früher erfolglos um das Leben ihrer Angehörigen oder um ihr eigenes Leben bangten, weil die Wellen der Krankheit ihre Lebenskräfte überspülten,
– die Verzweifelten, Resignierten oder Verbitterten, die diesen Verlusten nicht mehr standhalten konnten und
– die vom Schicksal Geschlagenen, die ihr Vertrauen auf das Leben oder ihren Glauben an Gott verloren haben.

Gleich, ob wir an einen Gott glauben oder nicht, kein einziges der gängigen Gottesbilder wird diese Erfahrungen unbeschadet oder ohne Korrekturen überstehen, gleich, ob wir von einem Gottesverlust oder einer schmerzlichen Vertiefung unserer Gotteserfahrung reden. Voltaire hat angesichts des Erdbebens von Lissabon (1755 mit Großbrand und Tsunami) das Ende einer jeden Rechtfertigung Gottes verkündet und keine vierzig Jahre später sprach Kant vom prinzipiellen Misslingen eines solchen Versuchs. Klar muss sein, dass sich solche Katastrophen nicht mit rationalen Argumenten bewältigen lassen. Denn klar ist auch, dass Gott nicht wie ein Allesmacher in seiner Welt herumwerkelt. Wem ein bleibendes Vertrauen dennoch gelingt, der muss wohl aus einer anderen Gotteserfahrung oder aus anderen Quellen schöpfen.

4. Im Spannungsbogen von Karfreitag und Ostern

Die christlich geprägten Tage von Karfreitag bis Ostern erscheinen dieses Jahr in einem ungewohnten Licht. Das kann einer Neuentdeckung der zutiefst menschlichen Ostergeschichte nur gut tun. In der Regel versuchen wir, den Karfreitag am Beginn willkommener arbeitsfreier Tage möglichst schnell hinter uns zu bringen. Gewiss, an ihm gedenken wir eines der geschichtswirksamsten Justizmorde, aber zielsicher streben wir alljährlich dem strahlenden Osterfest zu, denn dieser übermenschliche Triumph lässt alles Elend vergessen. Der Tod ist jetzt endgültig besiegt, der Kampf ausgestanden, vom Eise befreit sind Strom und Bäche, wir sind am Hafen des Glücks gelandet. Schon sehr früh wurde die unbesiegbare Sonne zum christlichen Symbol, später hing Christus als der sieghaft thronende König am Kreuz. 1925 führte Pius XI. für seine Kirche das von Selbstbewusstsein strotzende „Hochfest unseres Herrn Jesus Christus, des Königs des Weltalls“ ein.

Doch die Jesusgeschichten sprechen eine andere Sprache; Jesus ist kein übermenschlicher Held, sondern unser verletzlicher Bruder. Nicht nur Jesu Auferstehung, sondern auch sein Tod, nicht nur der Triumph, sondern auch seine Lebensniederlage, nicht nur die Seligpreisungen, sondern auch seine Gottverlassenheit gehören zur bleibenden Gegenwart und zum Trost der Ostertage. Ursprünglich wollte die christliche Erinnerung keinen Triumph feiern, der allen Untergang vergisst. Es galt vielmehr, beim Tod stehen zu bleiben, seine Grauen zu ertragen, jenen Zustand also, in dem Christus – als Deutung unserer Lebensschicksale ‑ in die tiefsten Abgründe der Welt hinabsteigt und sie erst einmal aushält. An diesem Tag des liturgischen shutdown, der absoluten Entschleunigung, bleiben zum Beispiel die katholischen Kirchen leer, allen Glockengeläuts und Schmucks, aller Musik und tröstenden Gebete beraubt. Ist es für Christ/innen nicht angemessen, unsere Krise in diesem Zustand einmal für längere Zeit abzubilden?

Wenn Ostern später dann doch gefeiert werden kann, beschäftigen wir uns mit keiner beschreibbaren Tatsache, sondern mit einer höchst gewagten Hoffnung, vielleicht mit einem Versprechen. So kommt es etwa dem großen Theologen E. Schillebeeckx nicht darauf an, dass das Grab Christi leer war, sondern dass es geöffnet, also dem Strahl der lebenspendenden Morgensonne ausgesetzt und damit entzaubert wird. Erst einmal gilt es, den gewaltigen Spannungsbogen zwischen Tod und enttabuisiertem Neubeginn zu verarbeiten. Diese Aufgabe wurde in den christlichen Kirchen unseres Kulturkreises weitgehend versäumt. In der Moderne ist eine Pandemie von Verzweiflung und Vertrauensverlust die Folge.

5. Gemeinsame Reise

Zwei Zusatzbemerkungen können diese Behauptung illustrieren. Angesichts der Jesusgeschichte bedeutet Auferstehung keinen pathetischen Triumph, sondern einen opferbereiten Protest und Widerstand gegen den Tod. „Stärker als der Tod ist die Liebe“ (Hld 8,7) lautet die entschlossene Parole, die zu Ostern führt. Ich vermute: Schon zahllose Menschen, gleich ob sie sich gläubig nennen oder nicht, hat ihr Einsatz für hilflose Mitmenschen gegen Todesschrecken immun gemacht, wie umgekehrt Menschen dann zu radikaler Hilfe fähig werden, wenn sie einmal ihrem eigenen Tod offen entgegengetreten sind. Zu dieser elementar menschlichen Erfahrung gehört auch der Mut zu einem Alleinsein und einer Leere, in der ich mir nicht mehr ausweichen, sondern mich selbst erfahren kann. Einkehr ist gerade jetzt angesagt.

Umgekehrt fällt auf, dass der christliche Osterglaube als Gemeinschaftsbewegung entstand. Individueller Heroismus muss auch in der Corona-Krise scheitern. Wir sollten zusammenstehen, einander bestärken, gerade den anderen helfen, die am Straucheln sind, und uns selbst helfen lassen, wenn uns die Kräfte verlassen. Diese Macht der Gemeinschaft habe ich in den vergangenen Tagen im Gedicht Gemeinsam von Rose Ausländer gefunden, das in einem Leserbrief meiner Tageszeitung auftauchte. Es verleiht dieser urmenschlichen Situation Ausdruck, auf die wir jetzt angewiesen sind:

Gemeinsam

Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam

besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden

Vergesset nicht
Es ist unsre
Gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte

die uns aufblühen läßt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen

Hermann Häring, Letzte Änderung: 9. April 2020

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.