Worte zur Corona-Krise 3: Blockierte Gemeinschaft

Liebe Freundinnen und Freunde, Verbundene in erzwungener Distanz!

In den vorhergehenden Texten habe ich über zwei Schlüsselerfahrungen nachgedacht, die in der Corona-Krise scharf zutage treten, den schwindelerregenden Verlust aller Sicherheit und den verzweifelten Versuch, unsere Zeiträume zum Stillstand zu bringen. Was aber soll dieses tatenlose Nachdenken? Die Infektion wartet nicht, bis wir sie begriffen haben. Inzwischen hat sie alle Kontinente im Griff und zwingt alle Menschen in dieselbe globale Drohkulisse: Globalisierung ist zum Fluch geworden. Zugleich legt sie z.B. in Deutschland uns allen dieselben Lasten auf: die Enge kleiner Wohnungen und ihre Über-forderung als Ersatzschule und Heimbüro zugleich, der Zusammenbruch vieler Alltags-strukturen, die Zunahme von Geschrei und Gewalt, denen Kinder jetzt nicht mehr entrinnen können, ein vielfältiges finanzielles Fiasko und eine dunkle Zukunft, die uns alle ängstigt. Wie kommen wir damit klar? Das alles erfordert Verantwortung, Initiative und entschlossenes Handeln.

Zeichen des Zusammenhalts

Doch von einigen Anlaufschwierigkeiten, etwa den anfänglichen Hamsterkäufen und anfänglichen Corona-Partys einmal abgesehen, ist Erstaunliches zu entdecken: Die Bevölkerung reagiert besonnen, die Politik handelt vernünftig und ohne zu murren nimmt die Industrie schwere Einbußen in Kauf. Ärzteschaft und Pflegepersonal zeigen einen vorbehaltlosen Einsatz. Über Nacht haben sich solidarische Arbeits- und Solidaritätskreise etabliert und Zeichen der gegenseitigen Verbundenheit werden gesetzt. Festnetztelefon und digitale Medien haben Hochkonjunktur. Menschen singen füreinander von Fenstern und Balkonen und die Jüngeren unter uns besorgen für uns Ältere Einkäufe. Die Bekundungen gegenseitiger Dankbarkeit sind, vom Bundestag bis in einfachste Kreise hinein, ebenso groß. Bisweilen nehmen sie einen beschwörenden Unterton an, sind wohl von der Hoffnung getragen, dass dieser Zusammenhalt mehr als ein Strohfeuer sei. Seien wir nämlich realistisch, die Situation ist noch nicht überstanden und die wahren Belastungen stehen uns erst noch bevor.

Dieses Verhalten war, so meine ich, auch zu erwarten, denn unsere Bevölkerung ist weder böswillig noch dumm, sogar gegen Sonderbelastungen gefeit. Früher hörte ich oft in pessimistischer Tonlage, in Krisenzeiten zeigten die Menschen ihr wahres Gesicht. Heute formuliert O. Zille realistischer: „In der Krise werden wir eine schrillere Version von uns selbst.“ Im Augenblick erleben wir also die ganz normale Reaktion von Menschen, nur auf einem gesteigerten Niveau, mit mehr Zuwendung, aber auch mit mehr Aggression. Von Hause aus sind wir keine Egoisten, sondern empathiefähige Wesen. Auch hat sich Thomas Hobbes mit seinem Schlagwort vom Krieg aller gegen alle getäuscht. Schon in der Tierwelt hat die gegenseitige Fürsorge einen wichtigen Stellenwert. Wie sollte es unter uns Menschen anders sein?

Also kümmern wir uns umeinander, um unsere Kinder und Eltern. Wir empfinden Mitgefühl für diejenigen, die jetzt auf unsere Hilfe angewiesen sind. So bildeten wir schon immer wohltätige Interessen- und Freundeskreise und uns umgibt eine gut ausgebaute zivile Gesellschaft, die von zahllosen humanen, sozialen und karitativen Zielen durchsetzt ist. Deshalb akzeptieren wir auch die aktuellen staatlichen Ordnungsmaßnahmen und fühlen uns für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung mitverantwortlich. Wir können auf eine Gesellschaft stolz sein, die für Lebensschutz und Lebensrettung schwere Beschränkungen auf sich nimmt.

Empathie gegen Eigeninteresse?

Allerdings stehen Empathie und Solidarität immer schon in Spannung zu den Eigeninteressen und zur Sorge um die eigene Gruppe; sie dürfen nicht in Unordnung geraten. Schon die jüdische Bibel fordert ohne jeden Pathos, wir sollten die anderen lieben wie uns selbst (vgl. Lev 19,18). Eine realistische Einschätzung der Nächsten und die Liebe zu ihnen setzt also eine tragfähige Selbsteinschätzung und Selbstliebe voraus. Doch klingt die-se Regel sehr abstrakt. Sie scheint vorauszusetzen, dass beide Kräfte zueinander im Gleichgewicht stehen, also in übersichtlichen und geordneten Verhältnissen agieren können. Jetzt aber ist dieses Gleichgewicht zwischen mir und den anderen gestört. Es muss neu ausgehandelt werden. Vor allem tritt die Frage in den Vordergrund, wer genau in der aktuellen Konkurrenz der Bedürftigen die Schwächeren und die Stärkeren sind. Gibt es nicht Gruppen, die anonym durch alle Raster fallen? Deshalb lautet das entscheidende Jesuswort viel realistischer: „Was ihr dem Geringsten meiner Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40), woraufhin seine Kritiker prompt die Frage stellen, wer denn unsere Nächsten sind.

Um wen also haben wir uns in diesen Tagen wirklich zu kümmern und wo liegen jetzt die Grenzen unserer Empathie? Nehmen wir mit unseren Vorsichtsmaßnahmen auf Dauer nicht auch schwere Nachteile in Kauf: wachsende Ungeduld und Gewalt in Familien, die steigende Not der ohnehin Einsamen und Obdachlosen, das dramatisch ausweglose Elend zahlloser Migranten? Wer spricht noch von den elternlosen Kindern, die wir von Lesbos zu uns holen wollten? Beschäftigt uns denn die Tatsache, dass die Corona-Katastrophe in ärmeren, wirtschaftlich verletzlicheren und medizinisch unterversorgten Ländern viel unbarmherziger zuschlägt? Können wir die Geschlagensten einfach im Stich lassen, weil uns das Hemd näher ist als die Jacke? Diese Fragen finden bei unserem schnellen Lob der Empathie keine Antwort mehr.

Ich verstehe diese Bemerkung hier nicht als Kritik an unseren politischen Strukturen oder augenblicklichen Entscheidungen, sondern als Eingeständnis unserer Hilflosigkeit. Ihrer müssen wir uns bewusst werden, wenn wir handlungsfähig bleiben wollen. Denn im Augenblick sind wir nur zu unmittelbaren Reaktionen fähig und können die Fernwirkungen unseres aktuellen Handelns noch nicht übersehen. Wir wissen aber, dass auf Dauer der Stress unsere Widerstandsfähigkeit und unsere inneren Gleichgewichte aufzehren wird, wenn wir nicht aktiv dagegen angehen. Aus Wirtschaftskreisen ertönen schon die ersten Klagen über eine Rezession und ein Politiker befürchtet eine Revolution. Eigeninteressen gewinnen die Oberhand und machen viele von uns dann doch zu Egoisten, die sich von den Widerstandsfähigen unter uns nicht unbedingt zügeln lassen. Wir können die Orientierungslosen nur durch eine erhöhte, vielleicht eine organisierte Solidarität stabilisieren.

Training in Beharrlichkeit

Schließlich haben wir eine Zeit mit enormen Ängsten und Alltagsbelastungen durchzustehen; zunächst fallen wir alle auf uns selbst zurück. Unser Selbstinteresse, das sich mit Macht meldet, reduziert zumindest den Horizont unserer Empathie. Sie gilt jetzt uns selbst, vielleicht unseren Partnern und unserer Familie. Gesichtsverengung ist auch für unsere Gesellschaft angesagt. Sie beschränkt sich auf unsere Kommune oder Region, vielleicht unsere Nation. Schon der europäische Zusammenhalt zeigt neue Risse. Gegen alle Vernunft wurden innereuropäische Grenzen geschlossen, Schuldfragen hin- und her-geschoben und finanzielle Bürgschaften nur zögerlich gewährt. Donald Trump besteht da-rauf, dass wir mit einem chinesischen Virus infiziert sind.

Zeigen wir also doch unser wahres, nämlich ein egoistisches Gesicht? Ich rate zur Vor-sicht. Das aktuelle Selbstinteresse entspringt wohl keinem böswilligen oder bewusst egoistischen Verhalten, sondern einer spontanen Überlebensreaktion. In einem ersten Schutz-reflex wird das Los der Fernstehenden, Migranten und gesellschaftlich Gescheiterten schlicht vergessen. Langfristig ist dieser Weg zwar gefährlich, aber umso wahrscheinlicher, als politische Kräfte auch bei uns blanken Egoismus, wenn nicht gar Rassismus predigen. Und wir können umso weniger Gegenkräfte mobilisieren, als im gesellschaftlichen Alltag, leider auch in vielen Familien, ausdrücklich religiöse und humanistische Einflüsse aus dem Gespräch verschwunden sind. Man findet Solidarität gut, macht sich aber nicht klar, dass sie in Zeiten der Gefahr auch Widerstandskraft und Selbstdisziplin verlangt. Deshalb ist es geradezu überlebensnotwendig, dass wir diese Grundhaltungen wieder öffentlich und mit Respekt besprechen und nicht als frömmelndes und verstaubtes „Gut-menschentum“ oder als vormoderne „Nächstenliebe“ abtun.

Es fällt ja auf: ausgerechnet in diesen Tagen der Krise werden mit hoher Intensität wieder gesellschafts-, wirtschafts- und kulturkritische Überlegungen laut. Sie bündeln viele Fragen neu, die in den vergangenen Jahren kontrovers besprochen wurden: Müssen wir in unserer politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung, auch im Umgang mit unseren Mitmenschen, nicht neue Prioritäten einführen? Wie kommt es, dass im öffentlichen Leben lauter als vor dreißig Jahren ein herzloser, gewinnorientierter Neoliberalismus den Ton angibt? Wie steht es mit dem vielgerühmten, zugleich vielgescholtenen Kapitalismus, von dem gerade verantwortliche Politiker und Philosophen sagen, er müsse endlich massiv gezügelt werden? Nehmen wenigstens katholische Christinnen und Christen die warnende Stimme von Papst Franziskus ernst? Wo werden einer entfesselten Globalisierung endlich Grenzen auferlegt? Können wir, sobald die Öffentlichkeit wieder zum Leben erwacht, einfach so weitermachen wie wir aufgehört haben?

Ich meine nein: In unserem Zusammenleben müssen wir dringend neue, menschlichere und solidarischere Wege entwickeln und auf ihrer Verwirklichung mit äußerster Beharrlichkeit bestehen. Noch immer sind wir Deutschen stolz auf Kant, der die Würde des Menschen für unverletzlich erklärte. Wir haben aber vergessen, dass diese hohe Moral nicht Achtung vor unserer eigenen Würde erhöhen soll. Sie ist genau für Zeiten geschaffen, an denen unser natürlicher Egoismus alle Empathie überrollen möchte. Dasselbe gilt für die Goldene Regel, die in allen Weltreligionen und in vielen Weltanschauungen zu Hause ist. Sie verlangt einen gründlichen Perspektivenwechsel zwischen uns und den an-deren, damit wir den anderen nicht antun, was auch wir nicht erfahren möchten. Deshalb verlangt diese Regel gegenseitigen Respekt, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und gegenseitige Treue.

Mitmenschlichkeit leben

Dazu könnten sich auch in Europa alle Menschen guten Willens aufmachen. Ohne große ideologische Geschütze aufzufahren, könnten wir uns neu und ausdrücklich darüber einigen, dass wir alles persönliche und gesellschaftliche Geschehen konsequent dem einen Gebot der Menschlichkeit unterstellen. Wir leben in einer hochdifferenzierten Gesellschaft, in der jeder ihrer Sektoren seine eigenen Interessen und Gesetze entwickelt. Welten der Marktwirtschaft und des Finanzwesens, der Rechtsgestaltung und Machverteilung, von Religionen und nichtreligiösen Weltanschauungen, die Lebensstile und Perspektiven traditionell deutscher und allochthoner Gruppen kommen zusammen. Unsere Welt ist höchst kompliziert geworden. Umso mehr gibt es nur eine Mitte, von der aus die Qualität des Gesamtensembles zu messen ist; das ist der Mensch. Je unübersichtlicher unsere Welt wird, umso konsequenter haben wir ein menschliches Verhalten zu befördern, das Frieden und Vergebung garantiert. Die Mächte und Interessen der Welt müssen in diesen humanen Menschheitszielen zusammenarbeiten; die gilt auch für die Religionen.

Das wird aber nur möglich, wenn wir dieses Verhalten mit hohem Engagement in unsere je eigene Zeiten- und Lebenswelt einüben. Es gilt nicht nur für die guten Stunden, da die Notleidenden sich von den Brosamen unserer Tische nähren können, sondern auch für die Katastrophen, in denen wirklich zu teilen ist. Jetzt also ist die Stunde der Herausforderung. Wir sollten die vitale Spannung von Empathie und Selbstinteresse endlich auch als ethischen, zutiefst humanen Auftrag begreifen, denn uns muss endlich der Übergang von der spontanen Reaktion zu einem geordneten, ethisch geleiteten Handeln gelingen.

Körperliche Nähe und geistige Verbundenheit

Ein anderer Widerspruch, den uns das Corona-Virus auferlegt, ist nur schwer erträglich. Berührung und körperliche Nähe, das gemeinsame Mahl und Spiel, aus denen unser All-tag so viel Kraft schöpft, sind zur tödlichen Gefahr geworden. Welch eine Paradoxie! Die uns auferlegte Distanz gehört zu den unnatürlichsten Regeln, denen wir aktuell unterworfen sind und die sich ohnehin nur in der Öffentlichkeit durchsetzen lässt. Innerhalb einzelner Haushalte und der Kleinfamilien ist sie nahezu absurd. Auch auf Politik und Freizeitgestaltung hat dies eine zutiefst verstörende Wirkung. Wie lange ertragen wir diesen Stress, dessen Ende noch nicht abzusehen ist? Wie lange erträgt ihn unsere Gesellschaft? Ausgerechnet die gemeinsame offene Meinungsbildung, der gemeinsame Unterricht, die gemeinsame Erholung werden blockiert. Tief schneidet dieses Verbot auch in die Bedürfnisse der traditionellen Religionen ein, denn regelmäßig kommen sie zusammen um mit-einander nachzudenken, zu beten und zu feiern, miteinander zu essen. Man denke nur an Judentum, Christentum und Islam. Werden sie ohne Zusammenkünfte und Gottesdienste nicht ihrer zentralen Handlungen beraubt?

Ja und nein. Einerseits haben es die Religionen mit dem ganzen Menschen zu tun; sie begreifen ihn auch unter seinen leiblichen und gesellschaftlichen Bedingungen. Zumal die katholischen Kirchen rücken die Sakramente mit ihren leiblichen Vollzügen in den Mittelpunkt. Sie haben sich schon immer darum bemüht, die sichtbare Gemeinschaft, den Glanz und die Hoheit des Göttlichen darzustellen, schließlich sollen sich die Menschen ihres Glaubens freuen können.

Doch neben der Leiblichkeit und dem gemeinsamen Erleben spielen in den Weltreligionen und in vielen Weltanschauungen auch die disziplinierte Belehrung, die Lektüre von Schriften, das individuelle Gebet und die persönliche Meditation, also der Rückzug in die Einsamkeit eine zentrale Rolle. Nach früher biblischer Tradition kam Gott nicht als weltlicher Herrscher, sondern als Wort in die Welt. Zu Recht hat die reformatorische Tradition darauf hingewiesen und dafür gesorgt, dass unser Gottvertrauen nicht zu reiner Magie degeneriert, sondern zu einer inneren individuellen Größe wird.

Deshalb ist es gut, sich bisweilen in sein Inneres und in die Konfrontation mit sich selbst führen lassen. Dort sind unsichtbare Welten und unabsehbare Kräfte zu Hause, von denen wir alle getragen werden. Propheten gingen in die Wüste, um ganz zu ihrer Lebensmitte zu kommen. Viele unter uns lesen anspruchsvolle Literatur, um sich zu begegnen, und gegenwärtig gewinnen wieder starke mystische Strömungen auf viele Menschen Einfluss. Auch sie suchen Orte des Alleinseins, das sie gerade nicht als Einsamkeit wahrnehmen. Im Idealfall finden sie alle ein Gleichgewicht zwischen ihrer Individualität und einer Gemeinschaft, die ebenso notwendig bleibt.

Natürlich sollten wir die aktuelle Krise auch nicht zu einem Glücksfall neuer Einsamkeit hochstilisieren, denn niemand hat sich diese Situation herausgesucht und zu viele sind über die Grenzen ihrer Kräfte hinaus gefordert. Doch die vielen, denen jetzt eine unerwartete Zeit gegeben ist, könnten die Gelegenheit zu inneren Denk- und Räumaktionen verwenden. Vielleicht könnten sie auch – stellvertretend für die Gehetzten und Überforderten – auch über das große Zusammenspiel der verschiedenen Aufgaben nachdenken und mit dem Aufbau von neuen geistigen Kräften beginnen, die wir nötig haben werden.

Ich vermute nämlich, dass wir in den kommenden Wochen mehr denn je auf solche inneren Ressourcen angewiesen sind. Zur inneren Bewältigung der Krise reicht nicht, wie schon gesagt, das elementare Spiel zwischen Selbstinteresse und Sympathie, auch nicht eine Pflichtethik, so unverzichtbar sie auch sei und so streng sie auch formuliert sein mag. Kant konnte den Nationalsozialismus ebenso wenig verhindern wie eine verbürgerlichte Religion. Doch in ihren Brennkammern bieten Religionen, viele Philosophien und ihre mystischen Protagonist/innen tieferreichende Grunderfahrungen an. Sie erkennen, wie brüchig in Krisenzeiten rationale Festlegungen sind. Deshalb kämpfen sie offensiv gegen den Egoismus an; sie erheben Nächstenliebe und Solidarität auf die Ebene der proaktiven Verantwortung, machen sie zum Kriterium der Menschlichkeit schlechthin.

Von der Pflicht zur Leidenschaft

Erinnern wir uns an die Zeiten des Nationalsozialismus. Dort haben Pionierinnen und Pioniere der Menschlichkeit gezeigt, dass die Nächstenliebe zum Kern ihrer Leidenschaft geworden ist. Auch jetzt sind wir – oft im Alltag verborgen – auf solche heroischen Gestalten angewiesen, die sich über das alltägliche Maß hinaus mit den Nächsten identifizieren. Wir sollten nicht nur darauf achten, dass wir keine Regeln der Nächstenliebe übertreten; es geht nicht um unsere weiße Weste. Vielmehr sollten wir mit Einfallsreichtum für diejenigen da sein, die auf unsere Hilfe, unsere Gemeinschaft und auf unseren Trost an-gewiesen sind. So kann selbst die so verletzliche, weil von Erfolgen abhängige Empathie zu einer unerschöpflichen Tugend werden.

Am 26. März 2020 war in der Presse eine Todesanzeige mit den Namen von dreißig italienischen Priestern zu lesen, deren Zahl später anstieg. Sie waren in den vorangegangenen Tagen gestorben, nachdem sie sich im Dienst an den Sterbenden infiziert hatten. Sie wussten, in welche Gefahren sie sich begaben. Doch der Gedanke, dass auch nur einer ihrer Mitmenschen in Einsamkeit sterben muss, war ihnen unerträglich. So wurden sie nicht nur für die Sterbenden, sondern auch für verzweifelte Ärzte zum Trost. Ich bin davon überzeugt, dass wir auch in Deutschland vergleichbare Fälle aufspüren könnten, nicht nur unter Priestern und Christ/innen, sondern auch unter liebenden Menschen, denen die Treue zu Mitmenschen oder ihre Sorge für sie über alles geht oder ging. Die Gemeinschaft mit Freunden, Lebensgefährtinnen oder Vereinsamten bedeutet ihnen mehr als ihr eigenes Leben. Konsequente Nächstenliebe erschöpft sich nicht einfach im Resonanzspiel mit den Selbstinteressen, sondern kann zu einer Kraft werden, die alle Überlegungen von Zweck und Nutzen übersteigt. Vielleicht ist das die wichtigste Lehre, die wir aus dieser Krise ziehen werden.

Hermann Häring, am 3. April 2020

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