„Bleiben wir uns – auf Abstand – nahe!“

Ich habe das Gefühl, an einer großen Feldstudie teilzunehmen. Das Thema der Studie: Wie verändert sich eine Gesellschaft, wenn sie über eine längere, aber absehbare Zeit in die soziale Isolierung geht? Wenn Familien sich nicht mehr generationenübergreifend sehen dürfen, wenn alte und kranke Menschen nicht mehr besucht werden dürfen, wenn Sterbende alleine sterben müssen ,Schulen und Kitas und auch Kirchen geschlossen werden, wenn menschliche Nähe und Berührung verboten werden.

Bei allem, was sich an Bildern von Vereinsamung und wirtschaftlichen als auch psychischen Nöten aufdrängt, versuche ich mir bewusst zu machen, was sich auch zum Guten wenden könnte:

•          Jede/r von uns wird gezwungen, Alltagsroutinen zu überdenken und wird Schlüsse ziehen, was – ganz konkret – den Konsum und das Reisen betrifft. Das kann in unserem Leben zu einer wohltuenden Entschleunigung führen und zu einer Schonung von Ressourcen. Auch der Planet wird sich freuen.

•          Die Arbeitswelt erprobt gezwungenermaßen neue Methoden des Arbeitens, der Meetings und der Absprachen. Vieles wird direkter entschieden werden, Zeit kostende Zwischenschritte werden wegfallen, aufwändige Arbeitsreisen werden weniger. Im besten Fall wird Arbeit effektiver und besser vereinbar mit Familienzeiten. Die kommunikative und soziale Seite von Arbeit wird ihren Stellenwert behalten und eingefordert werden, da bin ich nach verordnetem ‚social distancing’ sicher.

•          Die Hilfsbereitschaft und Solidarität untereinander gehören zur DNA unserer Gesellschaft. Das hat sie oft und auch jetzt wieder bewiesen. Auch die Bereitschaft, sich nach erstem Erstaunen bereitwillig auf die neuen Verhaltensformen einzulassen ist etwas, auf das wir stolz sein können.

•          Die Demokratie funktioniert. Das wird deutlich an der ungehindert laufenden Information durch Politiker und Medien, aber besonders durch das kritische Hinterfragen der Maßnahmen durch Staatsrechtler, Soziologen und besonders durch den deutschen Ethikrat, dessen Stimme laut ist und gehört wird.

•          Die Kreativität, mit der Geschäftsleute, soziale Einrichtungen, Lehrende und Schüler versuchen, mit den einschränkenden Vorgaben fertig zu werden, zeigt, dass in Bedrängnis viel Energie freigesetzt wird um sich und anderen zu helfen. Für mich ist es auch ein Zeichen von Freiheit: Um kreativ zu sein zu können, darf es keine Denkverbote geben.

•          Die Wertschätzung steigt für alle, die sich mit ganzer Kraft einsetzen für Kranke, aber auch für die Versorgung der Bevölkerung. Wir merken, wie wichtig die Arbeit ist in den Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und für die Aufrechterhaltung der Lieferketten. Zum überwiegenden Teil sind es Frauen.

•          Wir werden froh sein, dass wir in Deutschland bei allen begründeten Vorbehalten das europaweit am besten funktionierende Gesundheitssystem haben. Wir sollten mehr denn je bereit sein, es uns auch etwas kosten zu lassen.

•          Viele Kirchen haben erkannt, dass sie über die Nutzung der neuen Medien viel mehr Menschen erreichen können als an den Vor-Corona-Sonntagen. Die Frage bleibt, ob durch die Erfahrung der Ohnmacht und des Ausgeliefert-Seins auch die Frage nach Gott wieder neu gestellt wird und sich unsere Gesellschaft ihren christlichen Wurzeln stellt.

Es ist, wie gesagt, ein Feldversuch und ein Jahr ist lang genug, um alte Gewohnheiten in Frage zu stellen, zu ändern und sich neuen Sichtweisen und Verhaltensweisen zu öffnen. Was das Verbot der Nähe zu den Älteren und Schwachen und die Vernichtung vieler wirtschaftlicher Grundlagen mit uns macht, das wage ich nicht mir auszumalen. Deshalb: Der Preis, den wir für diesen Erkenntnisgewinn zahlen, ist hoch.

Bleiben wir uns – auf Abstand – nahe!

Angelica Niestadtkötter, Rheda-Wiedenbrück

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