{"id":1870,"date":"2022-06-18T00:07:23","date_gmt":"2022-06-17T22:07:23","guid":{"rendered":"https:\/\/nd-blog.de\/?p=1870"},"modified":"2022-06-18T00:23:17","modified_gmt":"2022-06-17T22:23:17","slug":"macht-bewusst-sein-die-muensteraner-missbrauchsstudie-und-bischoefliche-antworten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nd-blog.de\/?p=1870","title":{"rendered":"Macht-bewusst-sein: Die M\u00fcnsteraner Missbrauchsstudie und bisch\u00f6fliche Antworten"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ein Kommentar von Joe Menze <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>17. Juni: Da war doch was? Wer erinnert sich nicht an die schwarz-wei\u00dfen Bilder von aufgebrachten Menschen voller Freiheitswillen? An Personen, die mit Steinw\u00fcrfen verzweifelt versuchen, Panzer aufzuhalten. Der Volksaufstand gegen die ignorante SED-Parteif\u00fchrung wird 1953 gewaltsam niedergeschlagen. Im Anschluss beginnt mit der Flucht aus der DDR eine Abstimmung mit den F\u00fc\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Den heutigen Zustand der katholischen Kirche vergleichen manche mit dem des damals zusammenbrechenden Regimes. 1989 eine F\u00fchrungsriege alter M\u00e4nner, l\u00e4ngst abstinent von ihren Ursprungsidealen, nur noch auf ihren Machterhalt fixiert und meilenweit entfernt von der Wirklichkeit in ihrem Land.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich hinken historische Vergleiche, auch dieser. Aber niemand will die eklatante Entfremdung zwischen Bisch\u00f6fen und den Resten des Volkes Gottes ernsthaft bestreiten wollen. Oder dass in der Gesellschaft Grunds\u00e4tze wie die der Gleichberechtigung und der Gewaltenteilung gelten und aber in der katholischen Kirche nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Im synodalen Weg spiegelt sich der Streit derjenigen, die auf Dialog setzen und die Zeichen der Zeit erkennen, mit den Verfechtern ewiger Glaubenswahrheiten. Und alle r\u00f6mischen Vorzeichen deuten auf Unverst\u00e4ndnis. Da beraumt die Kurie eine Weltsynode an, wo keine Frau mitentscheiden darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Spielten bei der friedlichen Revolution in der DDR die Kirchen noch eine substantielle Rolle, allein schon, weil sie Gespr\u00e4chsr\u00e4ume ge\u00f6ffnet haben, haben die Kirchenleitungen seit der Aufdeckung der Missbrauchsskandale Anfang des letzten Jahrzehnts ziemlich allen moralischen Kredit verspielt. Jedes abgelehnte R\u00fccktrittsangebot bankrottiert noch mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>In puncto Missbrauchsgutachten in den Bist\u00fcmern setzte Aachen mit der WSW-Kanzlei zun\u00e4chst einen Goldstandard, weil juristisch akribisch der moralische Leitsatz der Betroffenen-Perspektive durchdekliniert und Verantwortliche benannt werden. In K\u00f6ln diskreditierte dann das rein kirchenrechtlich argumentierende Zweitgutachten den Aufkl\u00e4rungswillen. In M\u00fcnchen \u00fcberschattete die L\u00fcge des Papst Ratzingers die Analysen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt in M\u00fcnster? Bis in die Fr\u00fchzeit des amtierenden Bischofs Genn, analysieren die f\u00fcnf Wissenschaftler:innen von der Westf\u00e4lischen Wilhelms-Universit\u00e4t (Foto), galten Missbrauchsf\u00e4lle \u201eals \u201aBetriebsunf\u00e4lle\u2018, die es zu bearbeiten galt, den \u201aBetrieb\u2018 selbst stellte niemand in Frage\u201c. Und f\u00fcr den Normbetrieb gab es in der Kirchenleitung keinerlei Empathie f\u00fcr die Betroffenen, stattdessen eine \u201ePriorisierung des Wohls der Kirche, der Skandalvermeidung, des Schutzes f\u00fcr die Mitbr\u00fcder\u201c. Neu an der Studie ist die Ausleuchtung des Umfeldes. Das katholische Milieu verband eine \u201egemeinsame Schamkultur, die das Offenlegen sexueller Straftaten verhinderte\u201c und eine nennenswerte \u201eResilienz gegen \u00dcbergriffe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den heutigen 17. Juni hatte Bischof Dr. Felix Genn zum Pressegespr\u00e4ch \u00fcber den Umgang mit sexuellem Missbrauch im Bistum geladen. Seine steile Lernkurve und die Gespr\u00e4che mit Betroffenen waren dem gut vierzigmin\u00fctigen Statement von Beginn an anzumerken.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufarbeitung und Aufkl\u00e4rung k\u00f6nne nur unabh\u00e4ngig erfolgen. Die st\u00e4rkste Passage dazu behandelte die Etablierung der Unabh\u00e4ngigen Aufarbeitungskommission, die eben nicht der Bischof beruft. Statt dessen nimmt der Bischof das Angebot sieben hochkar\u00e4tiger Expert:innen an, die sich selbst organisieren und denen Unterst\u00fctzung durch das Bistums zugesagt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJede Form von Klerikalismus muss ein Ende haben\u201c, erkl\u00e4rte Genn, der beim Synodalen Weg das Forum zur priesterlichen Existenz mitleitet. \u00dcberh\u00f6hte Priesterbilder seien ein Ausdruck \u201eg\u00e4nzlich fehlgeleitetem Verst\u00e4ndnis von Autorit\u00e4t und Hierarchie \u2026 Damit muss Schluss sein.\u201c Die Studie zu Macht und sexuellem Missbrauch im Bistum M\u00fcnster konstatiert eine \u201eRollen\u00fcberfrachtung des bisch\u00f6flichen Amtes\u201c. Deshalb k\u00fcndigt Genn an, bisch\u00f6fliche Macht in einer Art freiwilliger Selbstverpflichtung an Entscheidungen di\u00f6zesaner Gremien zu binden. Mit dieser Erkl\u00e4rung geht Genn einen deutlichen Schritt weiter als die beiden Mitbisch\u00f6fe und Kardin\u00e4le in K\u00f6ln und M\u00fcnchen. Einf\u00fchrung kirchlicher Verwaltungsgerichtsbarkeit, mehr Transparenz bei Personalentscheidungen: Das klingt nach konkretem Umsteuern, das \u2013 darauf legt der Bischof gro\u00dfen Wert \u2013 weit vor der Studie in die Wege geleitet worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die pers\u00f6nliche Verantwortung?&nbsp; Bischof Genn r\u00e4umt ein, dass er in einigen Situationen entschiedener und klarer h\u00e4tte agieren m\u00fcssen. Statt eines R\u00fccktritts m\u00f6chte er in seiner verbleibenden Bischofszeit \u2013 Genn ist 72 \u2013 \u201emit h\u00f6chstem Engagement weiterhin und verst\u00e4rkt auf das h\u00f6ren, was Betroffene und unabh\u00e4ngige Gremien mir f\u00fcr den Umgang mit sexuellem Missbrauch im Bistum M\u00fcnster empfehlen und versuchen, das umzusetzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Journalisten haken nach: Wie k\u00f6nne es sein, dass bistumsleitende Geistliche, die aus der Seelsorge kommen, nicht mehr an die \u201eSchafe\u201c denken, sondern nur noch mit den \u201eHirten\u201c eine Solidarit\u00e4t empfinden? Dies sei unbegreifbar, kommentiert der WDR-Kirchenexperte Theo Dierkes. Eine Antwort bleibt Genn schuldig:&nbsp; Auch er k\u00f6nnte diese Distanz wirklich nicht verstehen, antwortet der Bischof. Ob seine Empathie gen\u00fcgend war, f\u00fcr das uns\u00e4gliche Leid, verm\u00f6ge er nicht zu beurteilen. Zusammen mit den Betroffenen werde \u00fcberlegt, wie auf die schweren Fehler seiner Amtsvorg\u00e4nger hingewiesen werde. Bis dahin bliebe die Bischofsgruft geschlossen, hatte Genn in seinem Statement ausgef\u00fchrt. Vorw\u00e4rtsverteidigung ist die bisch\u00f6fliche Parole.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Journalisten bleiben hartn\u00e4ckig. Die \u00d6ffentlichkeit beobachte, dass sich das System immer wieder selber sch\u00fctze. Zuletzt die folgenlosen R\u00fccktrittserkl\u00e4rungen, merkt der Chefredakteur des Domradios Ingo Br\u00fcggenj\u00fcrgens an. \u201eWie steht es darum, dass irgendjemand f\u00fcr die Institution nach jahrzehntelangem Versagen ein sichtbares Signal der Ver\u00e4nderung und Verantwortung setze? Er habe seine Antwort ja gegeben, entgegnet Genn, und versuche im Rahmen seiner M\u00f6glichkeiten, Dinge zu ver\u00e4ndern. Auf Ebene der Bischofskonferenz gebe es unterschiedliche Interessen. Eine Nachfrage zu R\u00fccktritt\u00fcberlegungen wischt Genn sp\u00e4ter vom Tisch. Sein Seelenleben wolle er nicht offenlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fazit vom 17. Juni?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Aufstand des Volkes wird wohl ausbleiben, dazu ist das Mixtum an Ver\u00e4nderungsprojekten zu vielf\u00e4ltig. Aber es bleibt auch festzuhalten, dass Bischof Genn auf Nachfrage Kleriker mit \u00fcberh\u00f6hten Priesterbild unter anderen Rollen wegsortiert. Wer sich die aktuellen Priesteramtskandidaten vergegenw\u00e4rtigt, wei\u00df genau, wie r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt die j\u00fcngste Priestergeneration tickt. Damit entwickelt sich das Drama weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Der M\u00fcnsteraner Bischof setzt auf eine Vorw\u00e4rtsstrategie. Lapidar streift er gegen Ende seiner Erkl\u00e4rung \u201eschwere Fehler\u201c seiner Amtsvorg\u00e4nger Michael Keller, Heinrich Tenhumberg und Reinhard Lettmann. Zuvor hatte er Erkenntnisse der Studie zustimmend zitiert. Eine klare Ich-Botschaft? Fehlanzeige.<\/p>\n\n\n\n<p>Da frage ich mich, wenn Genn sich explizit als \u201eTeil der Organisation, aus der die T\u00e4ter kamen und kommen\u201c (sic), warum er keine Verantwortung f\u00fcr das Vertuschung und Kollaborieren seiner Vorl\u00e4uferbisch\u00f6fe \u00fcbernimmt. Ihr menschliches und moralisches Versagen sei f\u00fcr ihn unverst\u00e4ndlich. Haken dran und gut? Nur eine Hinweistafel an der Bischofsgruft ist billig und blamabel.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine freiwillige Selbstbindung an Beschl\u00fcsse di\u00f6zesaner R\u00e4te ist weitgehend nett. In Wirklichkeit klammert sich Genn in seinen restlichen drei Jahren ans Amt als M\u00fcnsteraner Oberhirte, statt Ernst zu machen mit der Abgabe der Macht. Ist damit zu rechnen, dass sich Di\u00f6zesanrat, Priesterrat oder Di\u00f6zesankomitee emanzipieren? Eher nein. Und in drei Jahren hei\u00dft es: Neuer Bischof, neues Spiel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kommentar von Joe Menze 17. Juni: Da war doch was? 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