{"id":1600,"date":"2021-04-13T00:33:36","date_gmt":"2021-04-12T22:33:36","guid":{"rendered":"https:\/\/nd-blog.de\/?p=1600"},"modified":"2021-04-14T17:43:21","modified_gmt":"2021-04-14T15:43:21","slug":"hingabe-durchkreuzt-alle-systeme-sogar-den-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nd-blog.de\/?p=1600","title":{"rendered":"Hingabe durchkreuzt alle Systeme \u2013 sogar den Tod."},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Was Karfreitag uns in der Kirche heute bedeuten kann und wie es \u00fcber Ostern hinaus weist. Melanie Rems hat dies als Beitrag f\u00fcr den Blog empfohlen.<\/p><cite>Eine Predigt von Pfarrer Markus Hoitz, K\u00f6nigswinter 2021<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Meine Schwestern und Br\u00fcder im Herrn, unsere klassischen Kreuzwege kennen 14 Stationen. Bei der letzten Station wird Jesus ins Grab gelegt. Vielleicht m\u00fcsste man heute eine 15te Station hinzuf\u00fcgen. Sie \u00fcberspringt die Auferstehung und Himmelfahrt des Gekreuzigten. Die 15te Station hei\u00dft \u201eMissbrauch\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und damit meine ich nicht nur den \u201esexuellen Missbrauch\u201c, denn Missbrauch f\u00e4ngt wesentlich fr\u00fcher an. Der sexuelle Missbrauch ist nur das Ende vom Lied, sozusagen die letzte Strophe. Missbrauch f\u00e4ngt da an, wo ich meine Wahrheit absolut setze. Da gilt dann nur meine Wahrheit und alle anderen haben sich meiner Wahrheit zu beugen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDie Wahrheit wird euch frei machen\u201c,&nbsp;<\/em>so hei\u00dft es im Johannes-Evangelium (Joh 8, 32). Sch\u00f6n und gut. Aber wenn ich \u2013 z.B. als Pastor \u2013 es bin, der festlegt was die Wahrheit ist, dann ist es mit der Freiheit vorbei. Und wenn es das Lehramt der Kirche ist, das festlegt, was die Wahrheit ist, dann ist es mit der Freiheit ebenso vorbei.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der russische Schriftsteller Dostojewski hat in seinem Roman \u201eDie Gebr\u00fcder Karamasow\u201c im Abschnitt \u00fcber den Gro\u00dfinquisitor sehr gut beschrieben, was das f\u00fcr Folgen hat. Da sagt der Gro\u00dfinquisitor dem wiedergekehrten Christus:&nbsp;<em>\u201eSie werden uns anstaunen und uns f\u00fcr G\u00f6tter halten, weil wir, die wir uns an ihre Spitze stellen, uns bereit erkl\u00e4rt haben, die Freiheit zu ertragen, vor der sie Angst haben, und \u00fcber sie zu herrschen \u2013 eine so schreckliche Empfindung wird es schlie\u00dflich f\u00fcr sie werden, frei zu sein. Aber wir werden sagen, wir seien Dir gehorsam und herrschten in Deinem Namen. Wir werden sie wieder t\u00e4uschen; denn Dich werden wir nicht mehr zu uns lassen. In dieser T\u00e4uschung wird aber auch unser Leiden liegen; denn wir werden gen\u00f6tigt sein zu l\u00fcgen.\u201c&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Klerikalismus und Freiheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Genau dieser von Dostojewski so klar beschriebene Klerikalismus ist bei Laien genauso zu finden wie beim Klerus. Es ist diese Haltung, diese Selbstsicht eines klerikalen Systems, die dem anderen die spirituelle und die leibliche Selbstbestimmung und Freiheit nimmt. Und genau diese Haltung, die bricht jetzt mit der Aufdeckung der sexuellen Missbr\u00e4uche auf der einen Seite und den Vertuschungsversuchen auf der anderen Seite wie ein Kartenhaus in sich zusammen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gott sei Dank! kann man da nur sagen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die mit dieser klerikalen Haltung angerichteten Sch\u00e4den \u2013 zun\u00e4chst bei den direkten Opfern \u2013 sind nicht klein zu reden. Auch nicht mit dem Blick auf Missbrauch in der \u00fcbrigen Gesellschaft. Der Schaden ist weit gr\u00f6\u00dfer als wir es in der Kirche zu sehen bereit sind. Die abgebrannte Kathedrale \u201eNotre Dame\u201c in Paris ist daf\u00fcr vielleicht ein sehr schmerzhaftes aber passendes Bild: die H\u00fctte brennt uns \u00fcber dem Kopf weg und droht zusammenzust\u00fcrzen. Aber im System Kirche, im Umgang mit den Menschen, in der Auseinandersetzung mit der modernen Gesellschaft \u00e4ndert sich \u00fcberhaupt nichts. Wir bleiben bei unserem antiken und mittelalterlichen Weltbild. Die Sorgen und N\u00f6te der Menschen von heute \u2013 so wie es das 2. Vatikanische Konzil gefordert hatte \u2013 die interessieren uns \u00fcberhaupt nicht. Uns interessiert nur, dass sie unserer Wahrheit folgen. Und wer der nicht folgt, wer kritisch nachdenkt, der hat halt Pech gehabt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Schwestern und Br\u00fcder im Herrn, diese Haltung bricht letztendlich der Botschaft, dem Leben und Wirken des Mensch gewordenen Gottessohnes Jesus Christus das Genick. Diese Haltung bricht all denen das Genick, die versuchen glaubw\u00fcrdig diese Botschaft Jesu zu leben und zu verk\u00fcndigen. Sie bricht Gott selbst das Genick.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verrat und Verleugnung kommen von innen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und genau das ist Karfreitag. Das ist nicht nur damals vor \u00fcber 2000 Jahren, sondern das ist heute. Und das Perfide daran ist, dass es damals wie heute die Menschen aus dem \u201einnercircle\u201c sind, die Gott das Genick brechen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Judas Iskariot, der Jesus verraten hat. Wohl weil dieser Jesus seiner Wahrheit nicht entsprochen hat und auch nicht entsprechen wollte \u2013 einer der T\u00e4ter. Und Petrus der Jesus verleugnet, obwohl er ihm Treue bis in den Tod versprochen hatte \u2013 einer der Vertuscher, der lieber die Akten verschwinden l\u00e4sst, statt sich der Situation zu stellen. Beide wollen ein System retten. Oder anders gesagt: beide wollen ihre Vor- stellung vom \u201eReich Gottes\u201c retten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die vier Evangelisten haben den Verr\u00e4ter Judas und den Verleugner Petrus nicht ohne Grund in ihre Evangelien aufgenommen. Schon damals war der Grund f\u00fcr den Tod Jesu nicht einfach nur die&nbsp;<em>\u201eb\u00f6se und gottlose Welt drau\u00dfen\u201c<\/em>. So als wollten die Evangelisten uns warnen, stellen sie den Verrat durch Judas und die Verleugnung durch Petrus in die Passion Jesu Christi hinein: Verrat und Verleugnung, die kommen von innen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hingabe durchkreuzt alle Systeme \u2013 sogar den Tod.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn jetzt der alte Papst Benedikt die sexuelle Revolution der 1968er Jahre und die Aufweichung der katholischen Moraltheologie in Folge des 2. Vatikanischen Konzils f\u00fcr die Missbrauchsskandale verantwortlich macht, dann passiert genau dasselbe: Die Anderen sind schuld. Dass gerade die ultrakonservativen Bisch\u00f6fe oder Klerikervereinigungen in die Missbrauchsskandale verwickelt sind \u2013 das passt jetzt leider gar nicht in die Argumentationskette von Josef Ratzinger. Und auch seine Sekundanten in pensionierten und doch bisch\u00f6flichen W\u00fcrden w\u00fcrden gerne weiter nach dem Motto \u201eTarnen, T\u00e4uschen, Verpissen\u201c handeln. Da st\u00f6rt dieser Papst Franziskus, der manchmal auch ziemlich un\u00fcberlegt was sagt, was wie ein Stich ins Hornissennest wirkt \u2013 deshalb muss der weg, weil er eben das System st\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so ein System will laufen, will nach seinen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten funktionieren. Sie kennen das alle vom Kegelclub oder sonstigen Vereinen her. Wenn da jemand neu hinzukommt, der Ihre Regeln und Kommunikationsweisen in Frage stellt, dann ist der auch sehr schnell wieder drau\u00dfen. Dank E-Mail und Internet ist das aber auch alles sehr schnell an der \u00d6ffentlichkeit. \u201eTarnen, T\u00e4uschen und Verpissen\u201c das geht heute nicht mehr, auch nicht in der Kirche \u2013 und das ist gut so.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Schwestern und Br\u00fcder, Sie werden sich jetzt fragen, was denn unser E-Mail Verkehr mit dem Karfreitag und den Missbrauchsf\u00e4llen in der Kirche zu tun haben soll. Die Antwort ist einfach. Die Medien machen sehr schnell und allen klar, wo es uns wirklich um die Botschaft Jesu Christi geht oder nur um den Selbsterhalt eines Systems.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod Jesu Christi am Kreuz durchkreuzt diesen Wunsch nach dem Selbsterhalt eines Systems. Hingabe durchkreuzt alle menschlichen Vorstellungen. Hingabe durchkreuzt alle Systeme. Hingabe durchkreuzt sogar den Tod.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wahrheit und Sinn meines Lebens<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Darum geht es am Karfreitag. Gottes Hingabe durchkreuzt all unsere Vorstellungen. Meine Schwestern und Br\u00fcder im Herrn, mir meine Vorstellungen durchkreuzen zu lassen, dass Gott sich nicht meinen Wahrheiten beugen muss, sondern dass ich in meiner Hingabe seine Wahrheit entdecken kann und darin Freiheit finde \u2013 das ist f\u00fcr mich die \u00f6sterliche Botschaft des Karfreitags. Ich muss nicht \u201emeine\u201c Wahrheit gegen \u201edeine\u201c Wahrheit verteidigen, sondern ich darf mit Dir nach unserer Wahrheit suchen. Denn in \u201eDir\u201c liegt genauso viel von der \u201eWahrheit\u201c Gottes wie in mir, weil wir beide seine Gesch\u00f6pfe sind. Im \u201eAnderen\u201c Gott zu entdecken, das gibt mir Lebensfreude, weil ich im anderen das finden und entdecken kann, was ich in und bei mir selbst nicht finde. Meine Wahrheit begrenzt mich nur auf mich selbst \u2013 da finde ich nichts Neues. Und daf\u00fcr bin ich viel zu neugierig. Ich bin mir nicht selbst der Sinn meines Lebens.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir \u2013 die Priester und die Messdiener \u2013 uns am Karfreitag zu Beginn der Liturgie auf den Stufen des Altars f\u00fcr eine kurze Zeit einfach hinlegen, dann ist das ein liturgisches Zeichen eben daf\u00fcr:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Wir geben uns nicht selbst den Sinn des Lebens.&nbsp;<\/li><li>Wir untergeben uns keinem System, sei es von der Kirche oder von sonst wem vorgegeben.<\/li><li>Wir legen uns nur vor dem nieder, der f\u00fcr uns gestorben ist.&nbsp;<\/li><li>Und wir stehen dann auch wieder auf. Wir stehen auf f\u00fcr die, die heute ein Kreuz tragen m\u00fcssen.&nbsp;<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Und Aufstand ist jetzt einfach auch angesagt. Ich z.B. bin pers\u00f6nlich angefragt, warum und wie ich in dieser Kirche \u00fcberhaupt noch Priester sein kann. Ihnen wird das vielleicht nicht anders ergehen, wenn Sie sich als Kirchenmitglied outen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Evangelien berichten uns, dass der Lieblingsj\u00fcnger Johannes und die Gottesmutter Maria unter dem Kreuz ausgehalten haben. Deren Situation ist ja der unsrigen vergleichbar. Alle Funktion\u00e4re haben sich verpisst und es bleiben nur noch die Liebenden \u00fcbrig. Der Freund Johannes und die Mutter Maria. Und die halten einfach nur aus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und das ist auch jetzt meine Haltung: ich liebe diesen Jesus Christus und ich halte aus \u2013 und ich habe in dieser Kirche schon viel auszuhalten gehabt.&nbsp;Aber den Systemfuzzis \u00fcberlasse ich die Kirche Jesu Christi nicht \u2013 jedenfalls nicht kampflos. Und ich lege meinen priesterlichen Dienst nicht nieder und ich trete auch nicht aus der Kirche aus. Ich bleibe und st\u00f6re, damit die Botschaft Jesu leben kann, damit seine Hingabe ein Gesicht beh\u00e4lt. Sie bitte ich darum zu bleiben und da zu st\u00f6ren, wo es notwendig ist, damit durch uns diese Hingabe Gottes an uns f\u00fcr die Menschen von heute ein Gesicht bekommt. Amen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Anmerkung der Redaktion:<br><\/span>Diese <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/markus-hoitz.de\/data\/documents\/2021-Karfreitag.pdf\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/markus-hoitz.de\/data\/documents\/2021-Karfreitag.pdf\" target=\"_blank\">Predigt als PDF<\/a> und mehr von Pfarrer Markus Hoitz, K\u00f6nigswinter: <br><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/markus-hoitz.de\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/markus-hoitz.de\" target=\"_blank\">www.markus-hoitz.de<\/a><br><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.kirche-am-oelberg.de\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.kirche-am-oelberg.de\" target=\"_blank\">www.kirche-am-oe<\/a><a href=\"https:\/\/www.kirche-am-oelberg.de\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.kirche-am-oelberg.de\">lberg.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was Karfreitag uns in der Kirche heute bedeuten kann und wie es \u00fcber Ostern hinaus weist. 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