{"id":1228,"date":"2020-05-26T11:18:06","date_gmt":"2020-05-26T09:18:06","guid":{"rendered":"http:\/\/nd-blog.de\/?p=1228"},"modified":"2020-05-26T11:18:06","modified_gmt":"2020-05-26T09:18:06","slug":"weit-staerker-als-manche-denken-anmerkungen-zum-23-mai","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nd-blog.de\/?p=1228","title":{"rendered":"Weit st\u00e4rker, als manche denken &#8211; Anmerkungen zum 23. Mai"},"content":{"rendered":"\n<p>Diese Woche h\u00e4tte die hierzulande bekannteste Schwedin ihren 75. Geburtstag gefeiert. Was nat\u00fcrlich ein exzellenter Witz ist, denn wer kann sich Pippilotta Viktualia Rullgardina Krusmynta Efraimsdotter L\u00e5ngstrump ernsthaft als \u00e4ltere Dame mit Handt\u00e4schchen vorstellen. Noch weniger als tatterige Gro\u00dfmutter mit Kr\u00fcckstock oder mit einer Kaffeem\u00fchle, die \u201eAlles neu macht der Mai\u201c spielt . Irgendwie sind die meisten von uns doch Kinder oder sogar schon Enkel von ihr.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Klar die Sommersprossen bleiben, aber was w\u00e4re mit den abstehenden m\u00f6hrenroten Z\u00f6pfen, den unterschiedlich geringelten Str\u00fcmpfen? Wie ginge es Herrn Nilsson, dem \u00c4ffchen, und was w\u00e4re aus dem Schimmel auf der Veranda geworden? Wie h\u00e4tte sich die kleine smal\u00e4ndische Stadt entwickelt? Was w\u00fcrde Pippilotta \u00fcber schleichende Ver\u00e4nderungen im schwedischen Wohlfahrtstaat und demokratische Errungenschaften denken? Wie w\u00fcrde sie die Kontroverse \u00fcber den \u201eNegerk\u00f6nig\u201c kommentieren? L\u00e4ssig, belustigt oder am\u00fcsiert oder gewohnt unkonventionell?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hoffnung ist nat\u00fcrlich, dass die Kr\u00e4fte weiter mit Pippi sind, ihr freiheitlicher wie phantasievoller Geist weiter spritig-schlagfertig ist, weit \u00fcber die Villa Kunterbunt ausstrahlt und manchem Dunkel der Welt heimleichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Okay, wir rechnen jetzt nicht den Geburtsmoment nach. Soviel Phantasie muss bleiben: Die Geschichte von der Bettkante, das \u00dcberreichen des Manuskripts an Tochter Karin, die Ver\u00f6ffentlichung bei Rab\u00e9n &amp; Sj\u00f6gren &#8211; nach der Ablehnung anderer schwedischer Verlage. \u201eIn der Hoffnung, dass Sie nicht das Jugendamt alarmieren\u201c, hatte Astrid Lindgren den Lektoren als Vorspruch geschickt.<\/p>\n\n\n\n<p>1945 war die Pippi-Publikation nat\u00fcrlich ein Skandal. Viel Mut bewies der Verleger Friedrich Oetinger, den lindgrenschen Freisinn ins zerst\u00f6rte Nachkriegsdeutschland zu importieren. Eine \u201eG\u00f6re\u201c, wie man damals zu sagen pflegte, emanzipiert und eigenverantwortlich, aber nie egoistisch. Phantasievoll, l\u00e4ssig in der Lage Gewissheiten und Gewohnheiten aus den Angeln zu heben und auf eine h\u00f6chst liebensw\u00fcrdig-freche Weise die Welt der Erwachsenen und Autorit\u00e4ten auf den Kopf zu stellen und neu zu sortieren. Bei allem \u201eIch mache mir die Welt, wie sie mir gef\u00e4llt\u201c besticht und tr\u00e4gt ihr &nbsp;sozialer Gerechtigkeitssinn und der scharfe Blick der Sachensucherin f\u00fcr die F\u00fclle der M\u00f6glichkeiten. Bis heute macht dies Pippis Faszination aus. Zumindest bei uns Enthusiast*innen und Kinderbuch-Liebhaber*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Perspektivenwechsel. Das emanzipierte und st\u00e4rkste M\u00e4dchen der Welt, hierzulande mehr als achteinhalb Millionen-fach gedruckt und somit in unz\u00e4hligen K\u00f6pfen pr\u00e4sent verorten andere ja in dieser ber\u00fchmt ber\u00fcchtigte versifften Ecke Deutschlands. Wobei, in Corona-Zeiten verwirren sich die Geister, reklamieren jene doch pl\u00f6tzlich das rebellische Potential f\u00fcr sich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den \u201eHygiene-Demos\u201c und in sozialen Netzwerken lassen sich Querfront-Ph\u00e4nomene beobachten: Leute, die ganz demonstrativ das Grundgesetz verteilen, verb\u00fcnden sich mit denjenigen, die es am liebsten in die Tonne treten w\u00fcrden. Gern sammeln Leute wie Eva Herman, Attila Hildmann und Ken Jebsen Beifall von rechts au\u00dfen wie aus der linken Staatsmachtver\u00e4chter*innen.&nbsp; Manche Protestler*innen w\u00e4hnen sich in einer \u201eVirus-Diktatur\u201c oder ersatzweise im \u201eNotstandregime\u201c einer \u201eStaatsratsvorsitzenden\u201c und berufen sich lautsprecherisch auf das grundgesetzlich verbriefte Widerstandsrecht. \u00dcble Verweise auf die NS-Zeit tauchen nicht zuf\u00e4llig auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Netz werden Judensterne angeboten, Aufschrift \u201eNicht geimpft\u201c, oder es kursiert eine Karikatur mit der Anspielung auf Auschwitz. \u201eImpfen macht frei\u201c. Obwohl alle offiziellen Aussagen widersprechen und es keinen Impfstoff gibt, wird die Angst vor der gewiss verordnet werdenden Impfpflicht gesch\u00fcrt. All das versucht, unsere Gesellschaft nach Absurdistan zu verschieben. Irrwitzig ist dies, ein haneb\u00fcchenes Rebellentum, was sich argumentativ bel\u00e4stigt, gerne verfolgt, und \u2013 klaro \u2013 dann in der bubble best\u00e4tigt sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei gibt es berechtigte Sorgen. Ja, auch mich beunruhigt der Sars CoV2 -Virus, weil manche aus Familie und im Freundeskreis zu Hochrisikogruppen geh\u00f6ren. Auch sofort zugestimmt: Es braucht die kritische Reflexion und Revision der Corona-Restriktionen und der Einschr\u00e4nkungen unserer Grundrechte. Wie schwer einmal eingef\u00fchrte Sicherheitsbestimmungen mit b\u00fcrgerrechtlichen Kollateralsch\u00e4den wieder zu kassieren sind, haben wir bei den Terrorismusgesetzen gesehen. Da gehen wir v\u00f6llig d\u2019accord.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen und werden die Debatten nicht stillschweigend den Protestlern \u00fcberlassen.\u00a0 Schon gar nicht, wenn wir bef\u00fcrchten m\u00fcssen, dass manche sich von Rechtspopulisten instrumentalisieren lassen. \u00dcberlassen den \u00f6ffentlichen Diskurs und die Demokratie nicht denen, die &#8211; salopp formuliert \u2013 H\u00fcte aus Aluminium tragen und schwenken. Die Demokratie ist viel weiter und breiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 23. Mai war ich auf einer Kundgebung mit der Devise \u201eDer Demokratie \u2013 Eine kunterbunte B\u00fchne\u201c. Ein paar haben beim Motto das Wort \u201ekunterbunt\u201c kritisiert. Das klinge so antiquiert und pippi-langstrumpf-haft. Das stimmt. Unsere Demokratie ist, durchaus, Pippi Langstrumpf-like. Sie ist menschenfreundlich. Sie ist kreativ. Und vor allem: Sie ist stark. Viel st\u00e4rker ist sie, als manche denken.\u00a0 Streiten wir f\u00fcr diese kunterbunt-vielf\u00e4ltige Demokratie. Nicht nur am Tag des Grundgesetzes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Joe Menze, Paderborn<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Woche h\u00e4tte die hierzulande bekannteste Schwedin ihren 75. Geburtstag gefeiert. Was nat\u00fcrlich ein exzellenter Witz ist, denn wer kann sich Pippilotta Viktualia Rullgardina Krusmynta Efraimsdotter L\u00e5ngstrump ernsthaft als \u00e4ltere Dame mit Handt\u00e4schchen vorstellen. Noch weniger als tatterige Gro\u00dfmutter mit Kr\u00fcckstock oder mit einer Kaffeem\u00fchle, die \u201eAlles neu macht der Mai\u201c spielt . Irgendwie sind &hellip; <a href=\"https:\/\/nd-blog.de\/?p=1228\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Weit st\u00e4rker, als manche denken &#8211; Anmerkungen zum 23. 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