{"id":1150,"date":"2020-04-14T12:26:21","date_gmt":"2020-04-14T10:26:21","guid":{"rendered":"http:\/\/nd-blog.de\/?p=1150"},"modified":"2020-04-14T12:31:40","modified_gmt":"2020-04-14T10:31:40","slug":"worte-zur-corona-krise-3-blockierte-gemeinschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nd-blog.de\/?p=1150","title":{"rendered":"Worte zur Corona-Krise 3: Blockierte Gemeinschaft"},"content":{"rendered":"\n<p>Liebe Freundinnen und Freunde, Verbundene in erzwungener Distanz!<\/p>\n\n\n\n<p>In den vorhergehenden Texten habe ich \u00fcber zwei Schl\u00fcsselerfahrungen nachgedacht, die in der Corona-Krise scharf zutage treten, den schwindelerregenden Verlust aller Sicherheit und den verzweifelten Versuch, unsere Zeitr\u00e4ume zum Stillstand zu bringen. Was aber soll dieses tatenlose Nachdenken? Die Infektion wartet nicht, bis wir sie begriffen haben. Inzwischen hat sie alle Kontinente im Griff und zwingt alle Menschen in dieselbe globale Drohkulisse: Globalisierung ist zum Fluch geworden. Zugleich legt sie z.B. in Deutschland uns allen dieselben Lasten auf: die Enge kleiner Wohnungen und ihre \u00dcber-forderung als Ersatzschule und Heimb\u00fcro zugleich, der Zusammenbruch vieler Alltags-strukturen, die Zunahme von Geschrei und Gewalt, denen Kinder jetzt nicht mehr entrinnen k\u00f6nnen, ein vielf\u00e4ltiges finanzielles Fiasko und eine dunkle Zukunft, die uns alle \u00e4ngstigt. Wie kommen wir damit klar? Das alles erfordert Verantwortung, Initiative und entschlossenes Handeln.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong><span style=\"color:#9c55b1\" class=\"has-inline-color\">Zeichen des Zusammenhalts<\/span><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Doch von einigen Anlaufschwierigkeiten, etwa den anf\u00e4nglichen Hamsterk\u00e4ufen und anf\u00e4nglichen Corona-Partys einmal abgesehen, ist Erstaunliches zu entdecken: Die Bev\u00f6lkerung reagiert besonnen, die Politik handelt vern\u00fcnftig und ohne zu murren nimmt die Industrie schwere Einbu\u00dfen in Kauf. \u00c4rzteschaft und Pflegepersonal zeigen einen vorbehaltlosen Einsatz. \u00dcber Nacht haben sich solidarische Arbeits- und Solidarit\u00e4tskreise etabliert und Zeichen der gegenseitigen Verbundenheit werden gesetzt. Festnetztelefon und digitale Medien haben Hochkonjunktur. Menschen singen f\u00fcreinander von Fenstern und Balkonen und die J\u00fcngeren unter uns besorgen f\u00fcr uns \u00c4ltere Eink\u00e4ufe. Die Bekundungen gegenseitiger Dankbarkeit sind, vom Bundestag bis in einfachste Kreise hinein, ebenso gro\u00df. Bisweilen nehmen sie einen beschw\u00f6renden Unterton an, sind wohl von der Hoffnung getragen, dass dieser Zusammenhalt mehr als ein Strohfeuer sei. Seien wir n\u00e4mlich realistisch, die Situation ist noch nicht \u00fcberstanden und die wahren Belastungen stehen uns erst noch bevor.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dieses Verhalten war, so meine ich, auch zu erwarten, denn unsere Bev\u00f6lkerung ist weder b\u00f6swillig noch dumm, sogar gegen Sonderbelastungen gefeit. Fr\u00fcher h\u00f6rte ich oft in pessimistischer Tonlage, in Krisenzeiten zeigten die Menschen ihr wahres Gesicht. Heute formuliert O. Zille realistischer: \u201eIn der Krise werden wir eine schrillere Version von uns selbst.\u201c Im Augenblick erleben wir also die ganz normale Reaktion von Menschen, nur auf einem gesteigerten Niveau, mit mehr Zuwendung, aber auch mit mehr Aggression. Von Hause aus sind wir keine Egoisten, sondern empathief\u00e4hige Wesen. Auch hat sich Thomas Hobbes mit seinem Schlagwort vom Krieg aller gegen alle get\u00e4uscht. Schon in der Tierwelt hat die gegenseitige F\u00fcrsorge einen wichtigen Stellenwert. Wie sollte es unter uns Menschen anders sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Also k\u00fcmmern wir uns umeinander, um unsere Kinder und Eltern. Wir empfinden Mitgef\u00fchl f\u00fcr diejenigen, die jetzt auf unsere Hilfe angewiesen sind. So bildeten wir schon immer wohlt\u00e4tige Interessen- und Freundeskreise und uns umgibt eine gut ausgebaute zivile Gesellschaft, die von zahllosen humanen, sozialen und karitativen Zielen durchsetzt ist. Deshalb akzeptieren wir auch die aktuellen staatlichen Ordnungsma\u00dfnahmen und f\u00fchlen uns f\u00fcr die Aufrechterhaltung der \u00f6ffentlichen Ordnung mitverantwortlich. Wir k\u00f6nnen auf eine Gesellschaft stolz sein, die f\u00fcr Lebensschutz und Lebensrettung schwere Beschr\u00e4nkungen auf sich nimmt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong><span style=\"color:#9c55b1\" class=\"has-inline-color\">Empathie gegen Eigeninteresse?<\/span><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Allerdings stehen Empathie und Solidarit\u00e4t immer schon in Spannung zu den Eigeninteressen und zur Sorge um die eigene Gruppe; sie d\u00fcrfen nicht in Unordnung geraten. Schon die j\u00fcdische Bibel fordert ohne jeden Pathos, wir sollten die anderen lieben <em>wie uns selbst <\/em>(vgl. Lev 19,18). Eine realistische Einsch\u00e4tzung der N\u00e4chsten und die Liebe zu ihnen setzt also eine tragf\u00e4hige Selbsteinsch\u00e4tzung und Selbstliebe voraus. Doch klingt die-se Regel sehr abstrakt. Sie scheint vorauszusetzen, dass beide Kr\u00e4fte zueinander im Gleichgewicht stehen, also in \u00fcbersichtlichen und geordneten Verh\u00e4ltnissen agieren k\u00f6nnen. Jetzt aber ist dieses Gleichgewicht zwischen mir und den anderen gest\u00f6rt. Es muss neu ausgehandelt werden. Vor allem tritt die Frage in den Vordergrund, wer genau in der aktuellen Konkurrenz der Bed\u00fcrftigen die Schw\u00e4cheren und die St\u00e4rkeren sind. Gibt es nicht Gruppen, die anonym durch alle Raster fallen? Deshalb lautet das entscheidende Jesuswort viel realistischer: \u201eWas ihr dem <em>Geringsten <\/em>meiner Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan\u201c (Mt 25,40), woraufhin seine Kritiker prompt die Frage stellen, wer denn unsere N\u00e4chsten sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Um wen also haben wir uns in diesen Tagen wirklich zu k\u00fcmmern und wo liegen jetzt die Grenzen unserer Empathie? Nehmen wir mit unseren Vorsichtsma\u00dfnahmen auf Dauer nicht auch schwere Nachteile in Kauf: wachsende Ungeduld und Gewalt in Familien, die steigende Not der ohnehin Einsamen und Obdachlosen, das dramatisch ausweglose Elend zahlloser Migranten? Wer spricht noch von den elternlosen Kindern, die wir von Lesbos zu uns holen wollten? Besch\u00e4ftigt uns denn die Tatsache, dass die Corona-Katastrophe in \u00e4rmeren, wirtschaftlich verletzlicheren und medizinisch unterversorgten L\u00e4ndern viel unbarmherziger zuschl\u00e4gt? K\u00f6nnen wir die Geschlagensten einfach im Stich lassen, weil uns das Hemd n\u00e4her ist als die Jacke? Diese Fragen finden bei unserem schnellen Lob der Empathie keine Antwort mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verstehe diese Bemerkung hier nicht als Kritik an unseren politischen Strukturen oder augenblicklichen Entscheidungen, sondern als Eingest\u00e4ndnis unserer Hilflosigkeit. Ihrer m\u00fcssen wir uns bewusst werden, wenn wir handlungsf\u00e4hig bleiben wollen. Denn im Augenblick sind wir nur zu unmittelbaren Reaktionen f\u00e4hig und k\u00f6nnen die Fernwirkungen unseres aktuellen Handelns noch nicht \u00fcbersehen. Wir wissen aber, dass auf Dauer der Stress unsere Widerstandsf\u00e4higkeit und unsere inneren Gleichgewichte aufzehren wird, wenn wir nicht aktiv dagegen angehen. Aus Wirtschaftskreisen ert\u00f6nen schon die ersten Klagen \u00fcber eine Rezession und ein Politiker bef\u00fcrchtet eine Revolution. Eigeninteressen gewinnen die Oberhand und machen viele von uns dann doch zu Egoisten, die sich von den Widerstandsf\u00e4higen unter uns nicht unbedingt z\u00fcgeln lassen. Wir k\u00f6nnen die Orientierungslosen nur durch eine erh\u00f6hte, vielleicht eine organisierte Solidarit\u00e4t stabilisieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong><span style=\"color:#9c55b1\" class=\"has-inline-color\">Training in Beharrlichkeit<\/span><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich haben wir eine Zeit mit enormen \u00c4ngsten und Alltagsbelastungen durchzustehen; zun\u00e4chst fallen wir alle auf uns selbst zur\u00fcck. Unser Selbstinteresse, das sich mit Macht meldet, reduziert zumindest den Horizont unserer Empathie. Sie gilt jetzt uns selbst, vielleicht unseren Partnern und unserer Familie. Gesichtsverengung ist auch f\u00fcr unsere Gesellschaft angesagt. Sie beschr\u00e4nkt sich auf unsere Kommune oder Region, vielleicht unsere Nation. Schon der europ\u00e4ische Zusammenhalt zeigt neue Risse. Gegen alle Vernunft wurden innereurop\u00e4ische Grenzen geschlossen, Schuldfragen hin- und her-geschoben und finanzielle B\u00fcrgschaften nur z\u00f6gerlich gew\u00e4hrt. Donald Trump besteht da-rauf, dass wir mit einem <em>chinesischen <\/em>Virus infiziert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Zeigen wir also doch unser wahres, n\u00e4mlich ein egoistisches Gesicht? Ich rate zur Vor-sicht. Das aktuelle Selbstinteresse entspringt wohl keinem b\u00f6swilligen oder bewusst egoistischen Verhalten, sondern einer spontanen \u00dcberlebensreaktion. In einem ersten Schutz-reflex wird das Los der Fernstehenden, Migranten und gesellschaftlich Gescheiterten schlicht vergessen. Langfristig ist dieser Weg zwar gef\u00e4hrlich, aber umso wahrscheinlicher, als politische Kr\u00e4fte auch bei uns blanken Egoismus, wenn nicht gar Rassismus predigen. Und wir k\u00f6nnen umso weniger Gegenkr\u00e4fte mobilisieren, als im gesellschaftlichen Alltag, leider auch in vielen Familien, ausdr\u00fccklich religi\u00f6se und humanistische Einfl\u00fcsse aus dem Gespr\u00e4ch verschwunden sind. Man findet Solidarit\u00e4t gut, macht sich aber nicht klar, dass sie in Zeiten der Gefahr auch Widerstandskraft und Selbstdisziplin verlangt. Deshalb ist es geradezu \u00fcberlebensnotwendig, dass wir diese Grundhaltungen wieder \u00f6ffentlich und mit Respekt besprechen und nicht als fr\u00f6mmelndes und verstaubtes \u201eGut-menschentum\u201c oder als vormoderne \u201eN\u00e4chstenliebe\u201c abtun.<\/p>\n\n\n\n<p>Es f\u00e4llt ja auf: ausgerechnet in diesen Tagen der Krise werden mit hoher Intensit\u00e4t wieder gesellschafts-, wirtschafts- und kulturkritische \u00dcberlegungen laut. Sie b\u00fcndeln viele Fragen neu, die in den vergangenen Jahren kontrovers besprochen wurden: M\u00fcssen wir in unserer politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung, auch im Umgang mit unseren Mitmenschen, nicht neue Priorit\u00e4ten einf\u00fchren? Wie kommt es, dass im \u00f6ffentlichen Leben lauter als vor drei\u00dfig Jahren ein herzloser, gewinnorientierter Neoliberalismus den Ton angibt? Wie steht es mit dem vielger\u00fchmten, zugleich vielgescholtenen Kapitalismus, von dem gerade verantwortliche Politiker und Philosophen sagen, er m\u00fcsse endlich massiv gez\u00fcgelt werden? Nehmen wenigstens katholische Christinnen und Christen die warnende Stimme von Papst Franziskus ernst? Wo werden einer entfesselten Globalisierung endlich Grenzen auferlegt? K\u00f6nnen wir, sobald die \u00d6ffentlichkeit wieder zum Leben erwacht, einfach so weitermachen wie wir aufgeh\u00f6rt haben?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich meine nein: In unserem Zusammenleben m\u00fcssen wir dringend neue, menschlichere und solidarischere Wege entwickeln und auf ihrer Verwirklichung mit \u00e4u\u00dferster Beharrlichkeit bestehen. Noch immer sind wir Deutschen stolz auf Kant, der die W\u00fcrde des Menschen f\u00fcr unverletzlich erkl\u00e4rte. Wir haben aber vergessen, dass diese hohe Moral nicht Achtung vor unserer eigenen W\u00fcrde erh\u00f6hen soll. Sie ist genau f\u00fcr Zeiten geschaffen, an denen unser nat\u00fcrlicher Egoismus alle Empathie \u00fcberrollen m\u00f6chte. Dasselbe gilt f\u00fcr die Goldene Regel, die in allen Weltreligionen und in vielen Weltanschauungen zu Hause ist. Sie verlangt einen gr\u00fcndlichen Perspektivenwechsel zwischen uns und den an-deren, damit wir den anderen nicht antun, was auch wir nicht erfahren m\u00f6chten. Deshalb verlangt diese Regel gegenseitigen Respekt, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und gegenseitige Treue.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong><span style=\"color:#9c55b1\" class=\"has-inline-color\">Mitmenschlichkeit leben<\/span><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Dazu k\u00f6nnten sich auch in Europa alle Menschen guten Willens aufmachen. Ohne gro\u00dfe ideologische Gesch\u00fctze aufzufahren, k\u00f6nnten wir uns neu und ausdr\u00fccklich dar\u00fcber einigen, dass wir alles pers\u00f6nliche und gesellschaftliche Geschehen konsequent dem einen Gebot der Menschlichkeit unterstellen. Wir leben in einer hochdifferenzierten Gesellschaft, in der jeder ihrer Sektoren seine eigenen Interessen und Gesetze entwickelt. Welten der Marktwirtschaft und des Finanzwesens, der Rechtsgestaltung und Machverteilung, von Religionen und nichtreligi\u00f6sen Weltanschauungen, die Lebensstile und Perspektiven traditionell deutscher und allochthoner Gruppen kommen zusammen. Unsere Welt ist h\u00f6chst kompliziert geworden. Umso mehr gibt es nur eine Mitte, von der aus die Qualit\u00e4t des Gesamtensembles zu messen ist; das ist der Mensch. Je un\u00fcbersichtlicher unsere Welt wird, umso konsequenter haben wir ein menschliches Verhalten zu bef\u00f6rdern, das Frieden und Vergebung garantiert. Die M\u00e4chte und Interessen der Welt m\u00fcssen in diesen humanen Menschheitszielen zusammenarbeiten; die gilt auch f\u00fcr die Religionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wird aber nur m\u00f6glich, wenn wir dieses Verhalten mit hohem Engagement in unsere je eigene Zeiten- und Lebenswelt ein\u00fcben. Es gilt nicht nur f\u00fcr die guten Stunden, da die Notleidenden sich von den Brosamen unserer Tische n\u00e4hren k\u00f6nnen, sondern auch f\u00fcr die Katastrophen, in denen wirklich zu teilen ist. Jetzt also ist die Stunde der Herausforderung. Wir sollten die vitale Spannung von Empathie und Selbstinteresse endlich auch als ethischen, zutiefst humanen Auftrag begreifen, denn uns muss endlich der \u00dcbergang von der spontanen Reaktion zu einem geordneten, ethisch geleiteten Handeln gelingen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong><span style=\"color:#9c55b1\" class=\"has-inline-color\">K\u00f6rperliche N\u00e4he und geistige Verbundenheit<\/span><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Ein anderer Widerspruch, den uns das Corona-Virus auferlegt, ist nur schwer ertr\u00e4glich. Ber\u00fchrung und k\u00f6rperliche N\u00e4he, das gemeinsame Mahl und Spiel, aus denen unser All-tag so viel Kraft sch\u00f6pft, sind zur t\u00f6dlichen Gefahr geworden. Welch eine Paradoxie! Die uns auferlegte Distanz geh\u00f6rt zu den unnat\u00fcrlichsten Regeln, denen wir aktuell unterworfen sind und die sich ohnehin nur in der \u00d6ffentlichkeit durchsetzen l\u00e4sst. Innerhalb einzelner Haushalte und der Kleinfamilien ist sie nahezu absurd. Auch auf Politik und Freizeitgestaltung hat dies eine zutiefst verst\u00f6rende Wirkung. Wie lange ertragen wir diesen Stress, dessen Ende noch nicht abzusehen ist? Wie lange ertr\u00e4gt ihn unsere Gesellschaft? Ausgerechnet die gemeinsame offene Meinungsbildung, der gemeinsame Unterricht, die gemeinsame Erholung werden blockiert. Tief schneidet dieses Verbot auch in die Bed\u00fcrfnisse der traditionellen Religionen ein, denn regelm\u00e4\u00dfig kommen sie zusammen um mit-einander nachzudenken, zu beten und zu feiern, miteinander zu essen. Man denke nur an Judentum, Christentum und Islam. Werden sie ohne Zusammenk\u00fcnfte und Gottesdienste nicht ihrer zentralen Handlungen beraubt?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja und nein. Einerseits haben es die Religionen mit dem <em>ganzen <\/em>Menschen zu tun; sie begreifen ihn auch unter seinen leiblichen und gesellschaftlichen Bedingungen. Zumal die katholischen Kirchen r\u00fccken die Sakramente mit ihren leiblichen Vollz\u00fcgen in den Mittelpunkt. Sie haben sich schon immer darum bem\u00fcht, die sichtbare Gemeinschaft, den Glanz und die Hoheit des G\u00f6ttlichen darzustellen, schlie\u00dflich sollen sich die Menschen ihres Glaubens freuen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch neben der Leiblichkeit und dem gemeinsamen Erleben spielen in den Weltreligionen und in vielen Weltanschauungen auch die disziplinierte Belehrung, die Lekt\u00fcre von Schriften, das individuelle Gebet und die pers\u00f6nliche Meditation, also der R\u00fcckzug in die Einsamkeit eine zentrale Rolle. Nach fr\u00fcher biblischer Tradition kam Gott nicht als weltlicher Herrscher, sondern als Wort in die Welt. Zu Recht hat die reformatorische Tradition darauf hingewiesen und daf\u00fcr gesorgt, dass unser Gottvertrauen nicht zu reiner Magie degeneriert, sondern zu einer inneren individuellen Gr\u00f6\u00dfe wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb ist es gut, sich bisweilen in sein Inneres und in die Konfrontation mit sich selbst f\u00fchren lassen. Dort sind unsichtbare Welten und unabsehbare Kr\u00e4fte zu Hause, von denen wir alle getragen werden. Propheten gingen in die W\u00fcste, um ganz zu ihrer Lebensmitte zu kommen. Viele unter uns lesen anspruchsvolle Literatur, um sich zu begegnen, und gegenw\u00e4rtig gewinnen wieder starke mystische Str\u00f6mungen auf viele Menschen Einfluss. Auch sie suchen Orte des Alleinseins, das sie gerade nicht als Einsamkeit wahrnehmen. Im Idealfall finden sie alle ein Gleichgewicht zwischen ihrer Individualit\u00e4t und einer Gemeinschaft, die ebenso notwendig bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sollten wir die aktuelle Krise auch nicht zu einem Gl\u00fccksfall neuer Einsamkeit hochstilisieren, denn niemand hat sich diese Situation herausgesucht und zu viele sind \u00fcber die Grenzen ihrer Kr\u00e4fte hinaus gefordert. Doch die vielen, denen jetzt eine unerwartete Zeit gegeben ist, k\u00f6nnten die Gelegenheit zu inneren Denk- und R\u00e4umaktionen verwenden. Vielleicht k\u00f6nnten sie auch &#8211; stellvertretend f\u00fcr die Gehetzten und \u00dcberforderten &#8211; auch \u00fcber das gro\u00dfe Zusammenspiel der verschiedenen Aufgaben nachdenken und mit dem Aufbau von neuen geistigen Kr\u00e4ften beginnen, die wir n\u00f6tig haben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich vermute n\u00e4mlich, dass wir in den kommenden Wochen mehr denn je auf solche inneren Ressourcen angewiesen sind. Zur inneren Bew\u00e4ltigung der Krise reicht nicht, wie schon gesagt, das elementare Spiel zwischen Selbstinteresse und Sympathie, auch nicht eine Pflichtethik, so unverzichtbar sie auch sei und so streng sie auch formuliert sein mag. Kant konnte den Nationalsozialismus ebenso wenig verhindern wie eine verb\u00fcrgerlichte Religion. Doch in ihren Brennkammern bieten Religionen, viele Philosophien und ihre mystischen Protagonist\/innen tieferreichende Grunderfahrungen an. Sie erkennen, wie br\u00fcchig in Krisenzeiten rationale Festlegungen sind. Deshalb k\u00e4mpfen sie offensiv gegen den Egoismus an; sie erheben N\u00e4chstenliebe und Solidarit\u00e4t auf die Ebene der proaktiven Verantwortung, machen sie zum Kriterium der Menschlichkeit schlechthin.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong><span style=\"color:#9c55b1\" class=\"has-inline-color\">Von der Pflicht zur Leidenschaft<\/span><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Erinnern wir uns an die Zeiten des Nationalsozialismus. Dort haben Pionierinnen und Pioniere der Menschlichkeit gezeigt, dass die N\u00e4chstenliebe zum Kern ihrer <em>Leidenschaft <\/em>geworden ist. Auch jetzt sind wir \u2013 oft im Alltag verborgen \u2013 auf solche heroischen Gestalten angewiesen, die sich \u00fcber das allt\u00e4gliche Ma\u00df hinaus mit den N\u00e4chsten identifizieren. Wir sollten nicht nur darauf achten, dass wir keine Regeln der N\u00e4chstenliebe \u00fcbertreten; es geht nicht um unsere wei\u00dfe Weste. Vielmehr sollten wir mit Einfallsreichtum f\u00fcr diejenigen da sein, die auf unsere Hilfe, unsere Gemeinschaft und auf unseren Trost an-gewiesen sind. So kann selbst die so verletzliche, weil von Erfolgen abh\u00e4ngige Empathie zu einer unersch\u00f6pflichen Tugend werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 26. M\u00e4rz 2020 war in der Presse eine Todesanzeige mit den Namen von drei\u00dfig italienischen Priestern zu lesen, deren Zahl sp\u00e4ter anstieg. Sie waren in den vorangegangenen Tagen gestorben, nachdem sie sich im Dienst an den Sterbenden infiziert hatten. Sie wussten, in welche Gefahren sie sich begaben. Doch der Gedanke, dass auch nur einer ihrer Mitmenschen in Einsamkeit sterben muss, war ihnen unertr\u00e4glich. So wurden sie nicht nur f\u00fcr die Sterbenden, sondern auch f\u00fcr verzweifelte \u00c4rzte zum Trost. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass wir auch in Deutschland vergleichbare F\u00e4lle aufsp\u00fcren k\u00f6nnten, nicht nur unter Priestern und Christ\/innen, sondern auch unter liebenden Menschen, denen die Treue zu Mitmenschen oder ihre Sorge f\u00fcr sie \u00fcber alles geht oder ging. Die Gemeinschaft mit Freunden, Lebensgef\u00e4hrtinnen oder Vereinsamten bedeutet ihnen mehr als ihr eigenes Leben. Konsequente N\u00e4chstenliebe ersch\u00f6pft sich nicht einfach im Resonanzspiel mit den Selbstinteressen, sondern kann zu einer Kraft werden, die alle \u00dcberlegungen von Zweck und Nutzen \u00fcbersteigt. Vielleicht ist das die wichtigste Lehre, die wir aus dieser Krise ziehen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong><em>Hermann H\u00e4ring, am 3. April 2020<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Freundinnen und Freunde, Verbundene in erzwungener Distanz! 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