{"id":1138,"date":"2020-04-14T10:40:51","date_gmt":"2020-04-14T08:40:51","guid":{"rendered":"http:\/\/nd-blog.de\/?p=1138"},"modified":"2020-04-14T12:40:53","modified_gmt":"2020-04-14T10:40:53","slug":"worte-zur-corona-krise-1-verlorene-sicherheiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nd-blog.de\/?p=1138","title":{"rendered":"Worte zur Corona-Krise 1: Verlorene Sicherheiten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Liebe Freundinnen und Freunde, Schwestern und Br\u00fcder unseres irdischen Lebens!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon freute ich mich auf die Predigt, die ich in einer Stuttgarter Kirchengemeinde h\u00e4tte halten sollen. Jetzt macht uns der Corona-Virus einen Strich durch die Rechnung, denn das Unm\u00f6gliche ist eingetreten: selbst f\u00fcr die Fastenzeit, die Karwoche und f\u00fcr Ostern sind die Gottesdienste gestrichen. Ist das seit 1945 je einmal passiert?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Sicherheiten schwinden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei waren wir bei der Ank\u00fcndigung gar nicht so falsch gelegen. Wir hatten schon von einer Welt gesprochen, die keine Sicherheit mehr bietet, einem Klima, das aus den Fugen geraten ist, dem wachsenden Terrorismus und einer zynischen Machtpolitik, die ganze L\u00e4nder in Angst und Schrecken versetzt. Mehr denn je bricht die Frage auf, worauf wir noch vertrauen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inzwischen ist eine Krise hinzugekommen, vom neuen Corona-Virus verursacht, das uns die Medien wie einen bunt strahlenden Ball pr\u00e4sentieren. Doch es bedroht die biologische Lebensbasis von uns allen, legt die Wirtschaft, die Kultur und das Schulsystem lahm und bringt unser Gesundheitssystem an seine Grenzen. Die italienischen, zu Totentransportern umfunktionierten Milit\u00e4rwagen gehen wohl in unser kollektives Ged\u00e4chtnis ein. Inzwischen sind ganze Subkontinente und L\u00e4nder lahmgelegt, viele Sicherheiten unseres Alltags sind uns genommen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer h\u00e4tte das vor einigen Wochen f\u00fcr m\u00f6glich gehalten? In \u201eunterentwickelten\u201c Gebieten, ja, da hielten wir das f\u00fcr m\u00f6glich. Ich erinnere mich an das Ebolafieber, das 2014 afrikanische L\u00e4nder in Atem hielt. Nat\u00fcrlich, so dachten wir, geschieht so etwas in Zentral-afrika, wo man von Infektionen keine Ahnung hat, keine hygienischen Vorschriften kennt und noch an Hexen und b\u00f6se Geister glaubt. Auch erinnere ich mich an meinen Vater, der vor gut 60 Jahren f\u00fcr meinen Geburtsort ein Theaterst\u00fcck schrieb. Darin gedachte er einer Pestwelle, die 1356\/57 nahezu die gesamte Bev\u00f6lkerung ausrottete. Die \u00dcberlebenden gelobten, j\u00e4hrlich der Ereignisse mit Fasten und Gottesdiensten zu gedenken und bis heute lebt die Tradition dieses \u201eGel\u00fcbdetags\u201c fort. Selbstverst\u00e4ndlich war die Pest von Gott geschickt, verursacht durch die S\u00fcnden der Menschen und von Gott wieder weggenommen. Die Menschen glaubten, beteten und verzweifelten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch Reformation, Aufkl\u00e4rung und moderne Wissenschaften haben wird diese magischen Zeiten \u00fcberwunden und niemand kann leugnen, dass unsere Welt seitdem um ein Unendliches sicherer und berechenbarer wurde. Weltreisen sind so selbstverst\u00e4ndlich ge-worden wie ein geregeltes Alltagsleben. Die Gesundheitsvorsorge hat ebenso ungeheure Fortschritte gemacht wie eine bev\u00f6lkerungsbreite Bildung. Die durchschnittliche Lebens-erwartung deutscher Frauen ist von 25 Jahren im Mittelalter auf inzwischen \u00fcber 84 Jahre gestiegen. Was wollen wir mehr? Ist unsere Lebenszuversicht nicht ins Utopische gestiegen? Leben wir nicht sicherer denn je?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Unheimliche der Statistik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann dieser Donnerschlag, der jetzt \u00fcber die Kontinente hallt und selbst den Allesk\u00f6nner Donald Trump aus der Fassung bringt; die COVID-19 Pandemie h\u00e4lt uns im Griff. Seit gut zwei Monaten sind wir Zeugen dieses unglaublichen Geschehens. Zuerst hielt sie China in Bann und die ersten Ausl\u00e4ufer in Deutschland konnten wir spielend beherrschen. Jetzt beherrschen sie uns; die Infektionen steigen exponentiell. \u00dcber die Folgen kl\u00e4rt uns niemand verl\u00e4sslich auf. Ausgerechnet die Heilsh\u00fcter der Stunde, Virus- und Epidemiespezialisten, h\u00f6chst vertrauensw\u00fcrdige Leute, konfrontieren uns mit der einzig sicheren Aussage, dass wir n\u00e4mlich in absehbarer Zeit auf keinen wirksamen Schutz rechnen, auch in Zukunft vor solchen Weltereignissen nie sicher sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da liegen sie nun schutzlos blank, die tiefen \u00c4ngste um uns und unsere Lieben, vor allem um die \u00c4lteren unter uns: Eltern und Gro\u00dfeltern, liebgewordene Lebensgef\u00e4hrtinnen und Lebensgef\u00e4hrten, die uns buchst\u00e4blich lebenswichtig sind, oder um alle, die sich in Krankenh\u00e4usern oder Altersheimen einsetzen und so t\u00e4glich einer m\u00f6glichen Infektion ausgesetzt sind. Die vorhergesagte Erwartung von \u201emeist milden Verl\u00e4ufen\u201c beruhigt uns nur wenig, denn diese statistische Erwartung betrifft niemanden direkt und alle zugleich. Sie macht die Einsicht nur noch brutaler, dass der Scharfrichter willk\u00fcrlich zuschlagen oder verschonen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gewissheit statt Sicherheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch hilft diese Klage nicht weiter, zudem k\u00f6nnte sie jede und jeder von uns, je nach Situation, direkter und konkreter, ergreifender und eindr\u00fccklicher, w\u00fctender oder verzweifelter beschreiben. Mir bleibt nur noch zu sagen: Diese bedrohte Grundsituation, dieses Scheiternk\u00f6nnen und diese letzte Machtlosigkeit schlummern schon immer in uns allen. Wer von uns hat nicht irgendwann um das Leben eines Mitmenschen, vielleicht um sein Kind oder sein eigenes Leben gebangt. Jetzt werden diese individuellen Erinnerungen in eine gemeinsame Schreckenserfahrung eingesammelt; wir leben damit nicht mehr allein. Auch das hat sein Gutes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch geht es nicht darum, dass wir ab heute zu miesepetrigen Jammerlappen werden, uns gar jede Freude verbieten. Vielmehr k\u00f6nnten wir lernen, diese unsichtbare, aber uns auf-gezwungene Gefahr als Grundbedingung unseres Lebens zu akzeptieren, die nie einfach verschwinden wird. Wir bewegen uns immer zwischen Geburt und Tod, in denen alles auf der Kippe steht. Wir schwimmen auf keinem unsinkbaren Panzerboot, sondern auf einem recht labilen Flo\u00df dahin. Philosophie und Soziologie, die moderne Anthropologie und Psychologie haben sich ausf\u00fchrlich mit dieser Zerbrechlichkeit besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch fromme Protagonisten haben es meist aufgegeben, f\u00fcr unsere Lebensfragen Schein-sicherheiten anzubieten. Und ausgerechnet mir als katholischem Theologen wurde vor Jahren der ungeheure Durchbruch klar, als Martin Luther zwischen Sicherheit und Gewissheit unterschied. Unbedingte Sicherheit gibt es nirgendwo, weder in religi\u00f6sen noch in weltlichen Dingen. Wir sollten sie uns abschminken, auch wenn sie sich uns heute als Begeisterung f\u00fcr die modernen Naturwissenschaften, in der Erwartung neuester Sicherheitssysteme oder f\u00fcr die ungeheure Leistung \u201ek\u00fcnstlicher Intelligenzen\u201c anbietet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gewissheit dagegen hat es mit Vertrauen und der \u00dcberzeugung zu tun, dass es sich lohnt, jemanden oder etwas zu lieben und dass die Liebe st\u00e4rker sein kann als der Tod, weil sie mir niemand nehmen kann. Diese entschlossene Gewissheit ist deshalb nie ein sanftes Ruhekissen, vielmehr fordert sie uns zu aktivem Handeln, zur Sorge und zu einem praktischen Lebensrealismus heraus. Sie macht uns das Leben nicht leichter, gibt ihm aber einen Sinn. Sie zeigt uns ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die Dinge, auf die es ankommt und beh\u00fctet uns da-vor, zu vergesslichen Menschen zu werden, die sich in der Euphorie des n\u00e4chsten Erfolgs schon wieder verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von der Verzweiflung zur Hoffnung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist es deshalb gut, dass uns die Coronakrise jetzt \u00fcberfallen hat? Wird sie daf\u00fcr sorgen, dass wir wieder zu uns kommen? Diese Folgerung halte ich f\u00fcr leicht \u00fcbertrieben. Bleiben wir auf dem Boden der Tatsachen; jeder schwer sch\u00e4digende oder t\u00f6dliche Krankheitsverlauf ist einer zu viel, ebenso wie jede seelische \u00dcberlastung und jedes bleibende Trauma, eine jede Insolvenz oder soziale Katastrophe nichts Gutes ist. Aber da sie uns und unser Zusammenleben nun mal in die Zange genommen hat, k\u00f6nnten wenigstens die unter uns, die nicht von existentiellen N\u00f6ten \u00fcberrollt werden, die Zeit zur Arbeit an der Frage nutzen: Wer sind wir eigentlich und wo wollen wir \u2013 allein oder mit unseren Lieben zusammen \u2013 hin? Eine letzte Distanz zu dem, was uns fesselt und t\u00e4glich umgibt, tut uns, sofern sie noch m\u00f6glich ist, allen gut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch auch diese Antwort kann sehr banal klingen, denn auch von innerer Distanz und unseren \u201eeigentlichen\u201c Zielen wird oft zu schnell geredet. Ich denke da an eine Geschichte von jenem ruhelosen Propheten, der gerade von Galil\u00e4a nach Jerusalem zog (Mk 9, 14-29). Der Vater eines epileptischen Jungen mit einer f\u00fcrchterlichen und endlosen Krankengeschichte schrie nach ihm. Konnte Jesus helfen? Offensichtlich verwies er Jesus auf die Kr\u00e4fte der Selbstheilung, als er erkl\u00e4rte: \u201eAlles kann, wer glaubt.\u201c Der Vater verstand dies nur zu genau, doch jetzt brach alle Hilflosigkeit erst recht aus ihm heraus, als er rief: \u201eIch glaube, hilf meinem Unglauben!\u201c Heute w\u00fcrde er wohl sagen: Ich m\u00f6chte ja, aber ich bin verzweifelt. Zur Debatte steht also kein jenseitiger Glaube, sondern ein letztes Vertrauen, die letzte innere Kraft einer Hoffnung, die uns alle einmal verlassen kann, schon mehr als einmal verlassen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was geschieht? Der Bericht fasst sich kurz: \u201eJesus fasste den Jungen an der Hand und richtete ihn auf, und der Junge erhob sich.\u201c In dieser Nachdenkgeschichte tritt Jesus als der Mitmensch auf, der in der Stunde des letzten Hoffnungsverlusts zur Stelle sein und neue Kraft vermitteln kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht h\u00e4tten unsere Kirchen in den vergangenen Jahrzehnten weniger Innerlichkeits-pflege veranstalten sollen. Denker wie Ernst Bloch (der sich immer einen Atheisten nannte) und J\u00fcrgen Moltmann (der den christlichen Glauben als eine hochpolitische Angelegenheit begriff) zeigten mit gro\u00dfer Sprachkraft: In uns Menschen brechen tiefe und unzerst\u00f6rbare Hoffnungspotentiale gerade dann auf, wenn uns die Sicherheiten des Alltags aus der Hand geschlagen werden. Wir Menschen sind Wesen, die hoffen <em>m\u00fcssen<\/em>, wenn sie sich nicht aufgeben wollen, und tats\u00e4chlich bl\u00fchen immer wieder Hoffnungskr\u00e4fte auf, die unserem Lebensstil ein Zentrum geben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Noch viel zu tun<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit sind wir mit der Arbeit nicht am Ende, denn auf dem beschriebenen Weg erh\u00e4lt sie Konturen, die sich an den Einzelfragen dieser Tage bew\u00e4hren m\u00fcssen: Wie gehen wir mit der <em>Zeit <\/em>um, die uns pl\u00f6tzlich im \u00dcberma\u00df gegeben ist und nur ungeduldig macht? Was passiert mit unserem Zusammenleben und unserer <em>Gemeinschaft<\/em>, wenn wir uns pl\u00f6tzlich aus dem Wege gehen sollen? Was geschieht mit den pl\u00f6tzlich Abwesenden, die m\u00f6glicherweise in einer Quarant\u00e4nestation <em>vereinsamt <\/em>sterben sollen? Und gelingt es uns, neue <em>Ma\u00dfst\u00e4be <\/em>f\u00fcr eine Zukunft zu entwickeln, die besser werden soll als die vergangene?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neue Traumbilder werden uns nicht erlaubt sein, auch wenn vor Venedig jetzt wieder Delphine gesichtet wurden. Doch ein neues Gleichgewicht zwischen Familie und Arbeit, Gesellschaft und Natur, zwischen Leistung und Gerechtigkeit sollten uns schon gelingen. Diejenigen unter uns, die sich als entschiedene Christinnen und Christen verstehen, m\u00f6chte ich daran erinnern: Auch Jesus, einer der gr\u00f6\u00dften Propheten der Menschheitsgeschichte, stand und agierte in einer aufgeheizten <em>apokalyptischen <\/em>Zeit. Seine Auferstehung selbst wurde als ein apokalyptisches Ereignis begriffen und das Urchristentum war f\u00fcr die Fragen des Zeitenumbruchs h\u00f6chst sensibel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eApokalypse jetzt\u201c? Ja und nein. Nicht als ob jetzt alles verloren w\u00e4re, aber vieles steht auf dem Spiel. Paulus schrieb: \u201eDarum wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und n\u00fcchtern sein \u2026 Wir, die dem Tag geh\u00f6ren, sollten n\u00fcchtern sein und uns r\u00fcsten.\u201c Womit? Mit einer n\u00fcchternen und unverkrampften Hoffnung. \u201eWo aber Gefahr ist, w\u00e4chst das Rettende auch\u201c, schreibt H\u00f6lderlin, dessen 250. Geburtstag wir in diesen Tagen begehen. Das ist ein Lebensmotto, das sich vor Gott und der Welt sehen lassen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><strong><em>Hermann H\u00e4ring, am 20. M\u00e4rz 2020<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Freundinnen und Freunde, Schwestern und Br\u00fcder unseres irdischen Lebens! Schon freute ich mich auf die Predigt, die ich in einer Stuttgarter Kirchengemeinde h\u00e4tte halten sollen. 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